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Klangfest im Blutrausch

„Les Troyens“ Klangfest im Blutrausch

Die Staatsoper Hamburg kann sich rühmen, bereits zum zweiten Mal nach 1982 Partei für die französische Alternative zu Wagners Musikdramen, Hector Berlioz' Grand Opéra " Les Troyens", zu ergreifen. Dirigent Kent Nagano, neuer Generalmusikdirektor, ist ein hervorragender Anwalt der gewaltigen Partitur. Die Inszenierung von Michael Thalheimer gerät allerdings langweilig statisch.

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 Catherine Naglestad als Cassandre in «Les Troyens».

Quelle: Christian Charisius/dpa

Hamburg. Kassandra und Berlioz haben es beide gewusst: Es wird nicht gut enden. Während sich Hektors Schwester berechtigte Sorgen um ihre Vaterstadt Troja machte, war dem Komponisten mit dem passend altgriechischen Vornamen Jahrtausende später völlig klar, dass es sein extrem anspruchsvolles Hauptwerk, die fünfaktige Grand-Opéra-Transformation von Vergils römischem Gründungsepos Aeneis, auf den Bühnen der Welt nicht leicht haben würde. Die Staatsoper Hamburg kann sich nun rühmen, bereits zum zweiten Mal nach 1982 Partei für die französische Alternative zu Wagners Musikdramen, Les Troyens, zu ergreifen.

Der US-amerikanische Dirigent Kent Nagano, von 2006 bis 2013 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper und nun in selber Funktion an der Dammtorstraße aktiv, ist hörbar ein hervorragender Anwalt der gewaltigen Partitur. Obwohl er mit einer geschickt von Pascal Dusapin auf dreidreiviertel Stunden eingedampften Fassung und mit zwei statt der von Berlioz gewünschten sechs bis acht Harfen auskommen muss, ist seine Palette der Klangfarben enorm reich. Mit den Philharmonikern werden in überwiegend ruhig fließenden Tempi die Schönheiten, aber auch die pompösen, dämonischen, afrikanischen und auch skurrilen Momente der genialen Instrumentation ausgereizt. Dafür erntet der „Neue“ dann auch zu Recht Premierenovationen.

Während Eberhard Friedrichs sonst so beachtlichen Chöre überraschenderweise inhomogen wirken und sich der Held Enée (Aeneas), vertreten durch Torsten Kerl, mit den tenoralen Zumutungen zwischen lyrischem Liebesschmelz und kämpferischer Attacke unüberhörbar abquält, ist die weitere Solistenriege wirklich erstklassig besetzt. In Les Troyens kommt es auf zwei Mezzosoprane an. Die US-Amerikanerin Catherine Naglestad gibt den verzweifelten Warnrufen der Cassandre und ihrem stolzen Opferwillen im zerstörten Troja brennend intensive Stimmstatur. Noch mehr begeistert dann ihr weicheres Pendant, die in Liebe zu Enée entflammte und von seiner Weiterfahrt tödlich enttäuschte Königin Didon von Karthago: Die Russin Elena Zhidkova bietet ein Maximum an raumfüllender Resonanz und ausdrucksintensiv changierenden Stimmfarben. Neben ihr verdient sich Julian Prégardien in der Nebenpartie des Hylas die zweite Sängerkrone: Auf den sanft von Nagano angeregten Orchesterwellen scheint sein schöner lyrischer Tenor schwerelos in eine bessere Welt hinüberzugleiten.

Wer erhofft hatte, dass die Hamburgische Staatsoper im Dunstkreis des aufgeschlossenen Nagano und durch den Einfluss des neuen, in Basel und Schwetzingen erfolgreichen Intendanten Georges Delnon zum progressiv aussagekräftigen Regietheater zurückfindet, wird allerdings enttäuscht. Obwohl der Name Michael Thalheimer eigentlich dafür steht, ist seine szenische Umsetzung eher eine maximal langweilende Bankrotterklärung des Schauspielstars, mit der Oper umgehen zu können. In einer riesigen Holzkiste (Bühne: Olaf Altmann) werden die singenden Protagonisten wie Schachfiguren, aber ohne Gegenspieler, an die Rampe vorgezogen und deklamieren frontal ihren Part herunter. Nur in der wortlosen Andromache-Szene blitzt Spannung in der Personenführung auf. Die zentralen Frauen Kassandra und Dido haben immerhin das kleine Privileg, im Lichtkegel bevorzugt zu werden. Auch das Eingreifen der Schatten in Zeitlupe – tote Helden und Götter, die Aeneas gen Italien zu lenken versuchen – wirkt eher banal als auratisch. Die Musik hat dazu viel mehr zu sagen.

Ansonsten dreht sich im Hintergrund unablässig eine Art Monstergaragentor, gibt den Weg frei für den rein oratorisch bewegten, von Michaela Barth in spießige Allerweltsbürger-Klamotten gesteckten Chor und dient wiederholt als Abflussrampe für hektoliterweise Blut- und Wasserströme. Die Botschaft aber, dass es rund um Aeneas’ Irrfahrten nicht allzu friedlich zugeht, Flüchtlings- und Staatsgründungsprobleme mit einem gewissen Aktualitätsbezug aufscheinen, hätte sich auch konzertant kein bisschen weniger deutlich vermittelt.

 

Aufführungstermine am 23. und 26. September, 1., 4., 9. und 14. Oktober. 11. und 14. Mai. Karten: 040 / 35 68 68. www.staatsoper-hamburg.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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