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Eröffnung mit Kunst als Widerspiel

Stadtgalerie-Ausstellung Eröffnung mit Kunst als Widerspiel

Es bleibt ein kleines Kunststück, ausgewählte Werke der Ehmsen-Stiftung in der Stadtgalerie jährlich in einen neuen Kontext zu stellen. Im Fall der am Donnerstag eröffneten Ausstellung unter dem Titel Die Kunst als Widerspiel gelingt das auf anregende Weise.

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Kristin Grothe vor ihren Unikat-Radierungen und der Betonsulptur von Isa Genzken.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Isa Genzkens zeitlos wirkende Gussbetonskulptur Brunnen von 1986 besetzt mit kraftvoller Geste einen der beiden Räume der Stiftung. Dort konfrontiert Direktor Wolfgang Zeigerer zudem die großformatigen Unikat-Radierungen der 43-jährigen Künstlerin Kristin Grothe mit Heinrich Ehmsens Trümmerbildern und seinem Schlüsselwerk Störungsrechnung aus dem Jahr 1954.

 Was die drei Künstlergenerationen verbindet, erschließt sich in der Kabinett-Schau anschaulich und ohne bemühte interpretatorische Klimmzüge. Kristin Grothe, Hamburger Künstlerin, die seit 2002 in Neumünster lebt, entwirft auf ihren Schwarz-Weiß-Blättern Szenarien, die spannungsvoll oszillieren und letztgültige Deutungen verweigern. Man erkennt eingerüstete Fassaden, deren Skelettkonstruktionen sich kafkaesk in schwindelnde Höhen schrauben, dann wieder visionäre Architektur als Aufbruchssignal in neue urbane Räume oder auf einem anderen Blatt endzeitliche Überreste vergangener Zivilisation. Zuweilen atmet das den schnellen Puls des Dänen K.R.H. Sonderborg oder den ratternden Fortschrittsglauben der italienischen Futuristen. Kristin Grothes eigenwillig vorangetriebene Technik allerdings, die Radierplatte nur als Fragment zu nutzen, den Druck beinahe brutal zu schmirgeln, zu schleifen und die geschlossene Oberfläche des weichen Büttens aufzurauen, macht solche Vergleiche vage. In jedem Fall fügt Grothe Isa Genzkens roher Betonpoesie und Ehmsens splittriger Apokalypse der Störungsrechung oder seinen Bomben auf Berlin von 1948 eine vitale Facette hinzu.

 Dass Genzkens zweite Kieler Betonskulptur der Serie dieser Tage an das Stedelijk Museum Amsterdam ausgeliehen wird, spricht für den Weitblick, mit dem im Gründungsjahr der Stadtgalerie 1988 Kunst angekauft wurde. Isa Genzken, 1949 in Bad Oldesloe geboren, zählt seit langem zu den hochbezahlten Stars des internationalen Kunstbetriebs. Erwähnenswert übrigens, dass die Skulpturen damals als Geschenk der Eigentümergemeinschaft Sophienhof in die Sammlung kamen.

 Einer kunsttheoretischen Schrift Goethes ist die Formulierung der „Kunst als Widerspiel“ entnommen, die dieser Schau den Titel gab. Sie weist der Kunst ihre Rolle als Hüterin zu, als Gegenkraft des Disparaten. Auf einem Platz, den das Individuum autonom behauptet gegen die Unbilden der Natur und ihrer alles verschlingenden Kraft. Man muss sich nicht allzu weit von diesem Gedanken entfernen, um heute auch das Zerstörungspotenzial von Krieg und Gewalt in diesen Diskurs einzuschließen.

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