18 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Die Welt in Schwarz und Weiß

Stadtgalerie Die Welt in Schwarz und Weiß

Wenn Constanze Vogt über ihre Arbeiten spricht, dann sucht sie nicht nach Worten. Dezidiert beschreibt sie ihre Arbeitsweise, die mühselig scheint. Meterlange Zeichenpapierbahnen, die von der Decke der Stadtgalerie hängen und sich im Luftzug sanft bewegen, perforiert sie Reihe um Reihe mit dem Locher.

Voriger Artikel
Die neue Basis der Landesmuseen
Nächster Artikel
Zum Fünften ein Heft für Kinder

Zeichnet sich ihr Bühnenbild: Yeongbin Lee aus Südkorea.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Glänzende Rollen kaltweißen Fotopapiers benäht sie solange mit weißem Faden an der Nähmaschine, bis das Material kräuselt, sich wölbt und stellenweise fast zu Staub zerfällt. Eine gute Wahl, die 31-jährige in Kiel lebende Künstlerin mit dem Gottfried-Brockmann-Preis 2015 (dotiert mit 5000 Euro) auszuzeichnen. Verliehen wird er am heutigen Freitagabend um 19 Uhr zur Eröffnung der Ausstellung mit Arbeiten aller weiteren 14 Kandidaten.

 Und diese Ausstellung kommt zunächst leise daher, beinahe unfarbig, ein Statement in Schwarz-Weiß, das nach Brockmann-Jahrgängen mit farbstarker Malerei oder wild-wuchernden Installationen beinahe so aussieht, als sei Verzicht aktuell die Antwort auf den auf allen Kanälen fließenden Strom der bunten Bilder. Dass solcher Entsagung Kraft innewohnen kann, zeigt die Ausstellung an vielen Stellen und nicht nur anhand der Arbeiten der Preisträgerin. Die Jury spricht in ihrer Begründung von einer poetischen und stillen Sprache, mit der Constanze Vogt Phänomene des Übergangs und der Transformation visualisiere, von einem „anachronistischen Kommentar zu einer immer lauter werdenden populären Bilderkultur“.

 Da erscheint es nur folgerichtig, das Analoge wiederzuentdecken. Mit Svetlana Grigorieva und Yasmin Birkandan sind zwei Künstlerinnen dabei, die sich bewusst für die Entschleunigung entschieden haben. Grigorieva, 1990 im russischen Jekaterinburg geboren, zeigt eine Fotoreportage der Hamburger Punkband Plastic Propaganda, die das Lebensgefühl der Endsiebziger zwar aufleben lässt, aber zugleich aufzeigt, dass sich Radikalität jener Ära heute 2015 nicht wiederholen lässt. Yasmin Birkandan, 1982 in Kiel geboren, hat sich für ihr Foto des kleinen Backsteingebäudes im Kieler Jägersberg eine Stunde Zeit genommen. Stockfinster muss es sein, wenn sie ihre Großbildkamera aufstellt. Das Ergebnis, ein Großfoto, das die Nacht wie einen Traum aufscheinen lässt. Wissend schmunzeln kann man allerdings über ihre Filmschnipsel, die Landschaften assoziieren. Das kann nur aufregend finden, wer erst als Digital Native die analoge Fotografie entdeckt.

 Gemalt wird kaum in diesem Jahrgang. Nein „out“ sei sie nicht, die Malerei, sagt Stadtgalerie-Direktor Wolfgang Zeigerer, sie sei eben nur in den Hintergrund getreten. Als Herausforderung wird der Raum gesehen, nicht die Leinwand auf Keilrahmen. Sabrina Schuppelius tut das sehr selbstbewusst, Jihae An doch eine Spur zu verschlüsselt märchenhaft.

 Ina Gajewski, die sich ihr Geld als Anstreicherin verdient, ironisiert ihr Künstlertum mit Anspielungen auf ihren Brotberuf: In unterschiedlichen Baumärkten hat sie 13 vermeintlich neutrale weiße Wandfarbe eingekauft und sie quadratweise auf eine Ausstellungswand gestrichen. Wer mag, kann das als konkrete Kunst lesen, „für mich ist das nur handwerklich“, wischt Ina Gajewski wischt solchen Anspruch mit einem Handstreich vom Tisch. Doch dieser Diskussion fehlt heute ohnehin der Zündstoff, denn was zählt, sind die Geschichten hinter den Bildern und nicht deren Enstehungsprozesse. Gefunden bei eBay oder gesammelt wie Blütenstaub, was macht den Unterschied? Maria Malmbergs gepresster Atelierstaub aus 25 Jahren macht Eindruck, und auch Torben Laibs weit verzweigte Gewächse aus simplen Kabelbindern erzählen ganz einfach poetische Geschichten.

 Stadtgalerie Kiel, Andreas-Gayk-Straße. Eröffnung und Preisverleihung heute Abend, 19 Uhr. Bis 28. Feb., Di, Mi, Fr 10-17, Do 10-19, Sa/So 11-17 Uhr. Katalog 12 Euro. www.stadtgalerie-kiel.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Maren Kruse
Kulturredaktion

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3