18 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
„Figaro“ als köstliche Bettgeschichte

Staatsoper Hamburg „Figaro“ als köstliche Bettgeschichte

Umjubelte Premiere an der Staatsoper Hamburg: Der norwegische Starregisseur Stefan Herheim entwickelt bei seinem dort lang ersehnten Debüt aus einem Bett heraus und ganz im Zeichen von Mozarts Noten das gesamte Spektrum der Lüsternheit in der Verwechslungskomödie " Le Nozze di Figaro".

Voriger Artikel
Die Freie Akademie der Künste würdigt Ballhaus und Spielmann
Nächster Artikel
Plakette der Freien Akademie der Künste für Ballhaus und Spielmann

Die Oper von Wolfgang Amadeus Mozart hatte am 15. November Premiere.

Quelle: Christian Charisius

Hamburg. Hier ist alles Notenskizze, Musik pur. Die Figuren finden ihre gerade passenden Arien in der handschriftlichen Partitur Mozarts, deren Blätter auf dem Boden liegen sowie Decke und Wände tapezieren als wären sie Wegweiser der Liebegöttin Venus. Wird ein Finale turbulent, flattern sie wie von Geisterhand gelöst herab, um das herrliche Chaos der Liebesverwirrung komplett zu machen. Schon in der Ouvertüre beginnen die Notenhälse ihr wahnwitziges Eigenleben, wenn sie sich in lustig übers projizierte Papier flitzende Zeichentrick-Figürchen (Video: „fett Film“) verwandeln: Lorenzo da Pontes „toller Tag“ um die ewig treibende Kraft des Eros zwischen Mann und Weib schnurrt ab – in jedem Takt genial von Mozart überhöht.

In dem papiergepflasterten, nach hinten reizvoll perspektivisch verengten Bühnenkasten von Christof Hetzer macht sich ein großes Bett breit. Und der norwegische Starregisseur Stefan Herheim, der einst in Hamburg bei Götz Friedrich studierte, entwickelt bei seinem lang ersehnten Debüt an der Staatsoper aus diesem Bett heraus das gesamte Spektrum der Lüsternheit in der Verwechslungskomödie Le Nozze di Figaro. Keine Anzüglichkeit bleibt im Subtext von ihm unbeachtet.

Dabei könnte alles der Lächerlichkeit preisgegeben sein, denn die Figuren rund um den virilen Grafen Almaviva, seine vernachlässigte Ehefrau und das an ihrem Hochzeitstag in amouröse Turbulenzen geratende Dienerpaar Figaro und Susanna, stecken mit clownesk weißgeschminkten Gesichtern in aufwendig aufgeplusterten und mit Notenlinien bedruckten Rokoko-Kostümen (Gesine Völm) – irgendwo zwischen Commedia dell’arte, Puppenkiste und Comic-Strip. Aber Herheim ist in seiner Personenregie so fantasievoll und präzise, dass hinter der Staffage das Allzumenschliche wunderbar deutlich wird. Während die Inszenierung das Politische am Vorabend der Französischen Revolution komplett ausblendet, treten die Eifersüchteleien umso frappierender hervor: So haben die Gräfin und ihre Zofe Susanna alle Augen- und Saumaufschläge zu tun, sich gegenseitig ihre Ehemänner und blutjungen Verehrer abzujagen. Ein köstliches Gerangel und Gerammel. Je weiter dieser ausnotierte Liebeswahnsinn fortschreitet, umso mehr drängeln sich die Bezugspersonen geradezu leitmotivisch in die ironisch gebrochenen Arien hinein. Im nächtlichen Rendezvous-Garten des vierten Aktes ist es schließlich nicht die Natur, die Verstecke schafft, sondern die hin- und herwogende Masse an Beteiligten.

Der spürbar „historisch informierte“ Gastdirigent Ottavio Dantone sorgt für italienische Rasanz im Graben und animiert ein gutes, wenn auch nicht überragendes Sängerensemble. Am meisten lässt der blühende Mezzo der Ungarin Dorootya Láng in der Hosenrolle des allseitig geliebten Lustknaben Cherubino aufhorchen. Das gilt erstaunlicherweise auch für die kleine Rolle der Barbarina, die mit Christina Gansch aus dem Opernstudio besetzt ist.

Danach folgt schon ein „ja, aber“: Die beiden Debütantinnen in den weiblichen Hauptpartien Susanna und Gräfin, die 35-jährige Russin Katerina Tretyakova und die erst 28-jährige Rumänin Iulia Maria Dan, singen für’s Zaubern noch nicht frei genug. Tretyakova deutet das zumindest in der Rosenarie an, gibt ansonsten aber eher robuste, manchmal sogar etwas scharfe Töne von sich. Dan klingt weicher und wärmer, buchstabiert sich aber durch die Gräfinnen-Arien. Man vermisst den entrückt melancholischen Tiefgang. Wilhelm Schwinghammers Figaro wirkt stimmlich in der Premiere überraschend steif, während der türkische Bariton Kartal Karagedik den Grafen Almaviva mit vielversprechend biegsamer Eleganz werben und toben lässt.

Nächste Aufführungstermine am 17., 20., 22., 26. und 29. November. Karten: 040 / 35 68 68. www.staatsoper-hamburg.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3