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Jubel in Hamburg für „Tartuffe“

ABBA trifft Molière Jubel in Hamburg für „Tartuffe“

Das muss man erst einmal bringen, Molière mit ABBA zu verbandeln, und das auch noch schlüssig hinkriegen. Regisseur Stefan Pucher ist das in seiner Inszenierung des „Tartuffe“ zur einhellig bejubelten Spielzeiteröffnung am Thalia Theater in Hamburg geglückt.

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Die Schauspieler Lisa Hagemeister als "Elmire" und Oliver Mallison als "Orgon" spielen in Hamburg auf der Fotoprobe von "Tartuffe".

Quelle: Markus Scholz

Hamburg. Und der Schleimer erweist sich in seiner Egozentrik als ähnlich aktuelle Figur wie die Familie des Herrn Orgon, der sich von dem religiös inspirierten Tugendbold nur zu gern verblenden lässt. So nachhaltig, dass er ihm erst seinen Besitz, dann die eigene Tochter vermacht.

Pucher, der gern als Pop-Regisseur etikettiert wird, taucht Molières desolate Barockbürger in den Flor der für ihre Oberflächlichkeit gern gescholtenen Siebziger-Achtziger-Jahre und kontrastiert die Heuchelei und Bigotterie des 17. Jahrhunderts mit den Fake News unserer Tage. Wie Bauklötze ohne Plan und Zusammenhang setzt Pucher die Figuren auf die Bühne, die Barbara Ehnes mit Podium und allerlei Sitzmöbeln nicht von ungefähr an die pseudo-gemütlichen Talkrunden im Fernsehen angedockt hat, wo das Gespräch häufig in der Emotion ertrinkt. Hier fährt man einander über den Mund oder in die Parade. Und was gesagt wird, ist sowieso egal; wichtig ist, was der andere herausliest.

Pucher spiegelt an Molière eine Gesellschaft im Schlagermodus - aufgeputscht von Worthülsen und Melodieschmelz, getrieben von abrufbaren Impulsen und Instantgefühlen, die so rasch hochkochen wie sie zusammen fallen. Das ist auch ein Fest für die Schauspieler, die nicht nur die schön zwischen Elektro und Glam changierenden ABBA-Cover von Christopher Uhe parodieren, sondern auch hübsche Typenbilder aus dem Pop-Bereich abgeben: Steffen Siegmunds Sohn Damis der gewaltbereite Rapper, Papa Orgon (Oliver Mallison) ein alternder Rocker, Victoria Trauttmansdorffs Zofe Dorine hart an Madonna und Lisa Hagmeisters Gattin eine Disco-Queen zwischen ermattet und exaltiert.

Beinahe seltsam, dass Jörg Pohls Tartuffe dazwischen so ungewohnt blass und eigentümlich passiv agiert, mehr Schatten als Manipulator. Wie überhaupt die Figuren so stark zu Hülsen degradiert erscheinen, dass sie es zuweilen schwer haben, noch zu zünden. Aber vielleicht ist es ja auch gerade so: Dass die Gesellschaft damals wie heute sich ihre Geister selber schafft – und sie dann nicht mehr los wird. So ist es nicht weit von Tartuffe bis Trump.

Thalia Theater Hamburg. 10., 17., 24. September, 4., 9., 12., 18., 27. Oktober. Kartentel. 040 32814444, www.thalia-theater.de

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