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Regen unterm Cocktailschirmchen

Stehende Ovationen Regen unterm Cocktailschirmchen

Wer meint, Jazz sei der gemeinsame Nenner von Jacques Palminger und dem 440 Hz Trio, sieht sich getäuscht. Namensgeber, Zeremonienmeister und dadaistischer Lyrikpunk Palminger, seines Zeichens Schauspieler, Theatermacher und Vollmitglied von Studio Braun, klärt auf:

Kiel. „Die Band wird durch Drogen zusammengehalten.“ Musikalischer Spiritus Rector Olve Strelow (Schlagzeug, Gesang) ist der Pusher der Band, einer der letzten deutschen Haschischesser, Bassist John Raphael Burgess der typische Genusskiffer, der immer Bock, aber nie was dabei hat, Sängerin Lydia Schmidt die elegante Shisha-Raucherin, die noch mit „DDR-Hecke“ groß geworden ist, während Cellist Friedrich Paravincini schon aufgrund seines Namens eine nicht unwichtige Rolle in der Marihuanamafia nachgesagt wird. Dann sind da noch Buffer und Ballermann Jan Heinemann am Vibraphon, in dessen gefräßige 16-blättrige Wundertüten Marihuana und Haschisch mit zerstoßenen Neonröhren, Hausstaubmilben und Wollmäusen Platz finden, Keyboarder und Sänger Richard von der Schulenburg, der, statt für Diplomarbeiten zu büffeln, auf einem Flokatiteppich über ein Meer roter Samtkissen schwebt und sich dabei von blutjungen Toy Boys AAA-Thai-Gras in die tasmanische Purpfeife stopfen lässt und natürlich Jacques Palminger selbst, der Angstkiffer mit seiner chronischen Dauerabwärtsspirale aus Schwindel, Panikattacke, Ichauflösung, reißendem Durchfall und bizarrem Fressflash.

Sound ist zum niederknien cremig

So tragisch sich das natürlich für jeden Einzelnen ausnimmt, man wünscht sich doch, dass dieser Drogenfluss nie versiegen möge, der Palminger zu derartigen Stehgreif-Kategorisierungen inspiriert und der Band die Grandezza verleiht, einen leicht angemufften Jazz zu spielen, als wäre Manfred Krug wieder „Auf Achse“, der „Musikladen“ das aktuelle Zeitgeistfieberthermometer und „Ich heirate eine Familie“ der heiße Scheiß auf Netflix. Dieser Fender-Rhodes-süffige, Vibraphon-umnebelte Sound ist zum niederknien cremig und bettwarm wattiert, wie man ihn eben aus den 60er und 70er Jahren von Jazz Optimisten und ihren „Jazz und Lyrik“-Projekten mit besonders Manfred Krug und Uschi Brüning kennt (Ganz Normales Leben), ein Sound der das Unbeschwerte von 80er Jahre Vorabendserien in sich trägt (Spanky), DiscoJazzfunk zwischen Doldinger und Adriano Celentano generiert (Ragazzina) und dabei mit der DNA von melancholischen Schlager(avantgarde)chansons a la Ja König Ja und Universal Gonzales ausgestattet ist (Michael, Stadtpark). Dazu spricht Palminger  seine Texte akkurat und pointiert, erzählt vom letzten Tag auf Michael Jacksons Neverland-Ranch, von der regennassen Straße der Melancholie, in der sich neonfarbene Fragezeichen spiegeln und von wolkenverhangenen Diskotheken, in denen es unter Cocktailschirmchen regnet. Wie kein zweiter Musiker deutscher Zunge verwirbelt Palminger Kitsch und Kunstgriff, Lyrik und Laberflash, philosophischen Tief- und Flachsinn. Zusammen mit dieser fantastischen Band ein segenreicher Stachel im Fleisch des musikalischen Establishments. Zurecht schweren Herzens und mit stehende Ovationen verabschiedet.

Von Manuel Weber

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