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Das Glück der Fremde

Der Schriftsteller und Wilhelm-Lehmann-Preisträger Stephan Wackwitz im Gespräch Das Glück der Fremde

In seinen Büchern bewegt sich Stephan Wackwitz im engsten Familienkreis, ansonsten ist er seit Jahrzehnten im Dienst des Goethe-Instituts in der ganzen Welt unterwegs, derzeit als Leiter des Goethe-Instituts in Georgiens Hauptstadt Tiflis. In Eckernförde erhielt der 63-Jährige gerade den Wilhelm-Lehmann-Preis und fand auf dem Weg dorthin Zeit für ein Gespräch.

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Stephan Wackwitz

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Kiel. Auf dem Weg von Hamburg nach Eckernförde, wo er am Wochenende den Wilhelm-Lehmann-Preis erhielt, hat er Zeit für einen Zwischenstopp in Kiel. Jeans, Sakko, Designerbrille, E-Zigarette und ein Schalenkoffer auf vier Rollen: Der Schriftsteller, der mit der Trilogie seiner Familie (2015 erschien „Die Bilder meiner Mutter“) bekannt wurde und das Goethe-Institut in Tiflis, Georgien, leitet, ist ein kultivierter Reisender. Und er erzählt sachlich bedächtig.

 

 Herr Wackwitz, war Ihnen Wilhelm Lehmann ein Begriff, bevor Sie die Nachricht von der Auszeichnung erhielten?

 Ich wusste, dass er ein wichtiger Naturlyriker war, aber ich habe ihn nicht systematisch gelesen. Lehmann ist von meiner 68-Generation, wie viele andere auch, sehr verbannt worden. Ich habe ihn jetzt wieder gelesen – eine Entdeckung.

 

 Haben Sie dabei Gemeinsamkeiten gefunden?

 Ja. Im Ernstnehmen des angeblich Unbedeutenden – und des Eigenen. Auch in meinen Büchern ist das wichtig, dass man sich über Alltagserfahrungen oder Autobiografisches der Geschichte annähert, sie zu verstehen versucht. Bei Lehmann ist es eher das unscheinbare Naturerlebnis, bei mir die Familiengeschichte. Aber in beiden Fällen ist es die bewusste Beachtung dessen, was sonst niemand beachtet.

 

 In Ihrer Familientrilogie sind Sie aber nicht derjenige, der im Vordergrund steht.

 Ich stehe eher als Beobachterfigur am Rand der Bühne.

 

 Wie sind Sie dazu gekommen, die Familiengeschichte aufzuarbeiten?

 Es hat sich entwickelt. Als ich in Krakau die Memoiren meines Großvaters gelesen habe, war das wie eine Forschungsreise in die Vergangenheit der Familie. Das daraus entstandene Buch ist eine Art Logbuch dieser Reise. Die ich später in das Leben meines Vaters und schließlich in das meiner Mutter fortgesetzt habe. In einem Logbuch schreibt man ja nicht eigentlich über sich selbst – aber es ist schon wichtig, ob man auf ein Korallenriff gelaufen ist oder nicht.

 

 Da geht es um Familie und um Heimat. Im wirklichen Leben sind Sie seit Jahrzehnten an den Goethe-Instituten von New York bis derzeit Tiflis unterwegs. Wie passt das zusammen?

 Vielleicht passt es nicht zusammen. Oder doch: Denn diese Trilogie hätte ich nie angefangen, wenn ich damals nicht in Krakau gewesen wäre. Ich wäre wohl auch nicht nach New York gegangen, wenn da nicht diese unterschwellige Erinnerung an die amerikanische Zeit mit meiner Mutter gewesen wäre. Ich habe das nicht geplant, aber es hängt zusammen.

 

 Was hat Sie eigentlich so nachhaltig aus Deutschland fortgetrieben?

 Es hat mich nicht fortgetrieben, eher weggezogen. Mein Vater war auch schon am Goethe-Institut, mein Großvater Auslandspfarrer in Südafrika. Sie lag wohl in meiner DNA, die Auslandsfaszination. Als Kind hatte ich einmal einen Traum, in dem ich auf einer chinesischen Flusslandschaft gefahren bin auf einer Dschunke. Das war für mich das absolute Glück, in die Fremde zu gehen. Angetrieben von dem Gefühl: Da sind die Berge und ich will wissen, was dahinter liegt.

 

 Was haben Sie gefunden in der Fremde?

 Das ist ganz unterschiedlich. In Georgien finde ich die Menschen, die ganze Alltagskommunikation so einfach und freundlich. Die Gefühle sind dort mit starken Farben gemalt, nicht mit den schwebenden Lasuren wie hier bei uns. In New York war es der Traum von der Hauptstadt des 20. Jahrhunderts, die ganz anders war als in meinem Kopf: schnell, hart, intelligent, auf Geld und Image gepolt. Ich wollte dann bald wieder weg in eine Transformationsgesellschaft östlicher Art.

 

 Was tun Sie als erstes, wenn Sie neu in ein Land kommen?

 Ich gehe ins Nationalmuseum. Dort kann man viel lernen darüber, wie eine Gesellschaft sich selbst sieht – oder ob sie überhaupt etwas mit sich anfangen kann. Und dann finde ich es sehr hilfreich, mir Städte zu erwandern, in Eckkneipen Kaffee zu trinken, Leute zu beobachten. Aus diesen Eindrücken baut sich ein Bild zusammen.

 

 Ist Ihnen Deutschland über die Abwesenheit näher gekommen?

 Antje Vollmer hat mal diesen Satz von der Einwanderung ins eigene Land geprägt. Und es war für mich ein Erlebnis, Deutschland in den Achtzigern plötzlich super zu finden. Auch dass mir in Polen, Georgien oder New York soviel Begeisterung für das Land begegnet, ist eine verblüffende Erfahrung. Ich habe Deutschland im Ausland immer gerne vorgestellt.

 

 Auch jetzt noch, mit verstärkter Einwanderung und den damit verbundenen Konsequenzen?

 Auch jetzt. Wir leben in einer wichtigen Zeit, und ich denke, dass wir uns viel stärker als Einwanderungsland begreifen müssen. Das ist hier so hysterisch dramatisiert worden, dabei müssten wir uns eher postnational definieren, wie Kanada oder die USA. Und dazu gehört, dass wir ein positives Selbstbild entwickeln.

 Interview: Von Ruth Bender

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