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Spuren zu Wasser und an Land

Stadttöpferei Neumünster Spuren zu Wasser und an Land

Emily Stapleton-Jefferis lässt sich das deutsche Wort buchstabieren: „Spurensuche“. Denn das beschreibt genau, was die 23-jährige Stipendiatin aus Nottingham bei Oxford in der Stadttöpferei Neumünster tut. Nach einem achtmonatigen Asienaufenthalt sieht sie das Leben hierzulande mit anderen Augen.

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Santiago Lena formt Hohlkörper aus schamottiertem Ton. Emily Stapleton-Jefferis findet ihr Thema auf der Straße.

Quelle: Marco Ehrhardt

Neumünster. „Alle wollen doch nach Europa und wir haben so viele Chancen hier“, sagt sie, fragt aber gleichzeitig, ob wir die schönen Dinge um uns herum eigentlich auch wahrnehmen. Das Rezept zu dieser Wahrnehmungsschärfung liegt vor Emily ausgebreitet auf dem kleinen Werktisch. Lauter Abdrücke in weißer Porzellanmasse, die sie mit Kindern vor der Stadtbücherei gesammelt hat. Schriftzüge, Muster von Turnschuhen, die Reste eines Löwenzahns sind zu ahnen. Und Emily hat viele Fotos und Filmaufnahmen gemacht. Nach der Trocknung will sie die kleinen Artefakte glasieren und brennen. In den Farben der Stadt, sagt Emily. Weil vier Augen mehr sehen als zwei, braucht sie beim Spurensuchen Unterstützer; zwei einstündige Termine für Stadtrundgänge hat sie geplant.

Interaktiv geht auch der Argentinier Santiago Lena seine Arbeit an, mit der er sich für das Stipendium im Fürsthof beworben hat. Der 34-Jährige, der aus dem rauen Patagonien stammt, arbeitet an drei identischen Formen. Ein annähernd runder Hohlkörper mit amorpher Oberfläche. Das Innere offenbart weitere Strukturen. Assoziationen an wehende Gräser oder Muscheln? Santiago Lena fühlt sich verstanden. Anschließend will er die Körper verschießen und für den Betrachter nur eine handgroße Öffnung zum Hereinschauen lassen. In einem der Objekte soll der Klang der Ostsee vor Kiel zu hören sein, im anderen rauscht der Atlantik seiner Heimat und im dritten der Wind – vielleicht der von Patagonien.

Per Zufall hat Santiago Lena entdeckt, dass sein Gastatelier in der Nähe Kiels liegt, jener Stadt, die sein Urgroßvater einst als Auswanderer verließ. Seemann sei er gewesen, erzählt Santiago und im Rio de la Plata einfach von Bord gesprungen. Auf Kiel sei er deshalb wirklich gespannt. Seine Arbeit hier müsse sich aber noch entwickeln, meint Santiago und spricht von den verschiedenen Farben des schamottierten Tons, aus denen er seine Körper formen will. Weiß, braun und schwarz. „Es hat mit argentinischer Erde zu tun“, sagt der Keramiker und sinniert darüber, ob er die geografischen Verweise doch lieber auf andere Weise umsetzen soll. Da signalisiert sein Blick sehr sympathisch, dass er wieder an die Arbeit gehen möchte – der Ton trocknet einfach zu schnell.

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