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143 starke Jahrgänge

Streiber Meisterkonzerte 143 starke Jahrgänge

Sollte Kiel Concerts seine Ankündigung wahrmachen, den angegrauten Konzertsaal im Kieler Schloss-Ensemble am 30. Juni 2017 endgültig abzusperren, endet wohl auch der Aufstieg und Fall einer wirklich großen Kieler Konzertreihe. Mit der 143. Saison bräche dann eine 1874 begründete Tradition weg.

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Zuletzt war der Hamburger Pianist Alexander Krichel zu Gast bei den Streiber Meisterkonzerten.

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Es war eines meiner allerersten großformatigen Konzerterlebnisse überhaupt. Kurt Masur, damals gerade erst eine handvoll Jahre Chefdirigent in Leipzig und mit Mitte Vierzig voll im Dirigentensaft, kam mit seinem Gewandhausorchester nach Kiel. Und ich staunte prompt nicht schlecht über die Fülle des Wohllauts bei Brahms.

 Das Kieler Schloss war prallvoll. Meine Eltern hatten ein Doppelabonnement der zehn Streiber Meisterkonzerte – so etwas wie ein lediglich vererbbares „Anrecht“. Wer da ranwollte, musste sich in der Konzertkasse am Europaplatz erst vom Ehepaar Andrasi anmuffen lassen, um dann gnädig auf einer Warteliste unter ferner liefen aufgenommen zu werden. Das lohnte sich, denn es kam vor, dass in einer einzigen Saison das Beaux Arts Trio, Gidon Kremer, Mstislaw Rostropowitsch, Arlen Auger, Jean-Pierre Rampal und Martha Argerich im Schloss auftraten. Wer auch nur ein bisschen Ahnung von Klassischer Musik hat, rutscht noch beim Lesen auf Knien ...

 Sollte Kiel Concerts seine Ankündigung wahrmachen, den angegrauten Saal in der Altstadtkurve, benannt nach dem 1933 im KZ erschossenen Kieler SPD-Reichstagsabgeordneten Otto Eggerstedt, am 30. Juni 2017 endgültig abzusperren, endet wohl auch der Aufstieg und Fall einer wirklich großen Kieler Konzertreihe. Mit der 143. Saison bräche dann eine 1874 begründete Tradition weg, die Visiten von Johannes Brahms und Richard Wagner höchstpersönlich, von Furtwängler und Karajan, Fischer-Dieskau und Erna Berger, Menuhin und Kempff aufzuweisen hat.

 Doch nun schon seit etlichen Jahren erklingt im Pausenfoyer dasselbe Klagelied: Warum ist das Publikum so alt? Und warum sind immer weniger da? Beim Veranstalter ist die Schuld kaum abzuladen. Zwar sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten phasenweise auch Managementfehler begangen worden, weil unter Sparzwang angesichts sinkender Abo-Zahlen auch zweitklassige Künstler und Orchester geladen wurden, Kenner entsprechend absprangen. Aber gerade in den vergangenen Jahren ist es gelungen, unter Verzicht aufs große Orchesterformat (das bietet die Reihe mit NDR Sinfonieorchester) vielversprechende Jungstars zu präsentieren. Das Niveau ist wirklich hoch. Aber es hören nur noch Drei-, Vier-, vielleicht Fünfhundert von 1250 Möglichen zu. Ein Jammer. Und letztlich nicht mehr profitabel zu finanzieren. Denn Klassik-Künstler sind zwar inzwischen billiger zu haben, aber haben naturgemäß trotzdem ihren angemessenen Preis.

 Peter Marschall, bekanntlich in bester Andrasi-Nachfolge immer für einen verbalen Rempler gut, polterte schon zum 125-Jahre-Jubiläum der Konzertagentur gegen die Event-Geilheit eines Publikums, das bereit sei, für dieselben Klassik-Stars bei staatlich subventionierten Festivals höhere Preise zu zahlen als bei Streiber-Meisterkonzerten. Als Ursache für diese Schieflage machte der Kulturunternehmer eine Krise in der Politik aus, namentlich in der Bildungspolitik. „Mein Zorn“, formulierte er, „richtet sich gegen diejenigen, die eine Gesellschaft formen, die nicht mehr bereit ist, ernsthaft an die Kultur heranzugehen.“ Und da werde ich der Letzte sein, der ihm widerspricht.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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