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Venedig mit Trash-Faktor

Sechseckbau Kiel Venedig mit Trash-Faktor

„Willkommen im Hotel Alucard.“ Am Ende der kräftig beklatschen, amüsant-gruseligen Premiere der Theatergruppe Teufelszeug im Sechseckbau ist klar, dass Reisende in Jonas Reichs Stück Urlaub unter Unbekannten – Venedig mit Biss nur einmal erleben.

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Blutsauger im Hotel: Altstar Stardast (Claus Bill) und Hotelier Enzo (Maditha Dreher).

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel.  Hotels und Grusel, das ist ja nicht erst seit Hotel Transsylvanien eine glückliche Verbindung. Auch hier steckt viel Herzblut drin, das spürt man nicht erst im Finale der pulsierenden Handlung. Mit geschmeidiger Eleganz hat Autor Reich die Story vom Urlaubsdomizil, in dem nicht nur die Mücken Blutsauger sind, aus Elementen romantischer Vampir-Love-Story-Serien, Gruselschocker im Stil der Rocky Horror Picture Show, Paar-Dialogen im Loriot-Stil und einer satten Portion Trash-Movie zur Komödie verblendet. Das spielerisch bestens aufgelegte Ensemble hat sich ins perfekte Timing für den flüssigen Erzählstrom vertieft, der im transsylvanisch anmutenden Hotelinterieur mit zerschlissenem Jugendstil-Sofa, Lotterbett und knarzigem Hoteltresen sofort Fahrt aufnimmt.

 Im Hitparaden-Look mit ausgelabbertem Schlaghosen-Jeanseinteiler, einer verwegen einnehmenden Bühnen-Lache und drei Songs, die lachmuskelreizend abrupt zwischen niedlichem Falsett und brunzigem Death-Metal-Sound wechseln, wird Claus Bill zum grenzenlos überzeugenden Altstar Johnny Stardast, der als Hotelgast sein Comeback nur an der Bar feiert.

 Mit bräsig norddeutscher Ignoranz stattet Britt Schumacher die bösartige Alte aus, die im Duo mit ihrem schlecht gelaunten Ehemann (Christian Kock) über alles meckert. Madita Dreher gibt mit glasigem Blick und im Dauer-Singsang seltsam akkurat ausgesprochenen Service-Formeln dem Hotelier Enzo bedrohliche Kälte. Julia Harms macht Mutter Heidrun zur ewig schönen Zicke, der es Lukas Worgull als linkisch unentschlossener Ehemann und Sohn Tobias (Sebastian Müntz) nie recht machen können. Geschliffen realistisch sind das Zuständigkeits-Ping-Pong für Kinderbetreuung und die Vorwurfs-Runde „Toby!“, „Vater!“, Heidi!“ Familienroutine. Schlangengleicher Gegenpart zu so viel Touristen ohne Klasse sind Jana Hanekamp und Ann Kienlin, die sich als Pärchen in schwarzer Spitze und ebenso düsteren Absichten bei ausgiebigen Kuss-Szenen umwinden.

 Fazit: 90 Minuten beste Unterhaltung mit viel Herzblut. Unbedingt hingehen.

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