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Von der Couch in den Krieg

Studio-Premiere: „Am Boden“ Von der Couch in den Krieg

Sie ist Bomberpilotin im Irakkrieg, topp ausgebildet und liebt ihren Beruf. Sie wird schwanger, bekommt eine Tochter und dient fortan an der Heimatfront. Fernab des Einsatzgebietes dirigiert sie eine Drohne mitsamt ihrer todbringenden Fracht – von der Air-Force zur Chair-Force.

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Von der Air Force zur Chair Force: Jennifer Böhms Solo im Studio des Schauspielhauses.

Quelle: struck

Kiel. George Brants Monodrama Am Boden hat zahlreiche Auszeichnungen bekommen. Die packende Inszenierung von Julia Heinrichs mit einer großartigen Jennifer Böhm auf der Studiobühne führt die Preiswürdigkeit dieses brillanten Monologs eindrucksvoll vor Augen.

 Breitbeinig steht sie da, die Namenlose in ihrem Kampfanzug, ihre Körperhaltung ist Selbstbewusstsein pur. Der Anzug ist für sie mehr als ein Kleidungsstück. „Er ist der Respekt, die Gefahr – man ist das Blau“, sagt sie und ihre Stimme, eben noch zackig und schneidend, wird weich. Denn da ist diese Diskrepanz zwischen einer beängstigend unreflektierten Kriegslüsternheit und einem romantischen, ja poetischen Gefühl von Freiheit, das sie genauso liebt wie die wilde Jagd auf den unsichtbaren Feind. Ihre Versetzung empfindet die Pilotin zunächst als Strafe, tauscht sie doch das geliebte Blau gegen das Grau eines Monitors, der eine Welt abbildet, die aussieht „wie aus Kitt“ geformt.

 Ein transparent bespannter Rahmen, den Nina Sievers auf die Bühne gestellt hat, übernimmt die Rolle dieses Monitors. Eingeblendete Winkel deuten Zoom-Funktion an, wenn die Pilotin gebannt auf die vermeintlich „Schuldigen im wehrfähigen Alter“ starrt, die in ihrem neuen Krieg plötzlich Gesichter haben und die sie dennoch wie in einem Computerspiel mit einem triumphierenden „Booom!“ auslöscht.

 Neben einem Stuhl das einzige Requisit auf der Bühne, ist der Rahmen multifunktional. Er behauptet ein Innen und Außen und bietet Projektionsfläche für Videoeinspielungen. Dann zeigen sich Kondensstreifen am Himmel, zahllose wachsame Augen oder eine Straße in der Wüste, die die Pilotin auf ihrer täglichen Fahrt von der heimischen Couch „in den Krieg“ führt. Jennifer Böhm macht den absurden Spagat zwischen Familienidyll mit Gute-Nacht-Kuss für die Tochter und Fernsehen am Abend einerseits und dem ferngesteuerten Töten andererseits fühlbar. Raumgreifend schlendert, tigert, marschiert sie um den Rahmen und den Stuhl herum, der mal Schreibtisch und mal Cockpit ist. Oder ein Podest, auf dem sie zunächst salutierend und wenig später in der Pose des Gekreuzigten steht. Mit nuanciertem Spiel zwischen Überheblichkeit, Enthusiasmus und erschreckender Aggressivität, zwischen Ratlosigkeit und Verzweiflung entlarvt sie eine schizophrenen Welt, die die Pilotin in die Paranoia führt. Als „Göttin im Olymp“, deren Blick sich nichts und niemand entziehen kann, sieht sie sich im Alltag gleichzeitig von Überwachungskameras umzingelt. Der Zusammenbruch ist programmiert. Als sie den Kampfanzug ablegt, der so viel mehr bedeutet als ein Kleidungsstück, wirkt sie sie beinahe nackt in ihrer weißer Wäsche – verletzlich, krank, gescheitert. Theater mit Gänsehautfaktor. Begeisterter Applaus.

 Studio im Schauspielhaus. Termine: 13.+ 15.10., 8.+ 19. 11., jew. 20.30 Uhr, 27.11. 19.30 Uhr, Karten: Tel. 0431 / 901901. www.theater-kiel.de

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