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Der Typ, der in der Mitte steht

Interview mit Sven Regener Der Typ, der in der Mitte steht

Die großen Hallen waren im Vorjahr dran, jetzt beehren Element of Crime mit ihrem Album „Lieblingsfarben und Tiere“ auch die kleineren – am Sonntag die Halle 400 in Kiel. Zuvor sprach Sänger und Texter Sven Regener mit KN-online über eine Auszeichnung, ein Desaster und seinen Part als Sänger der Band.

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Auf der grünen Wiese: Sven Regener (von rechts) mit Jakob Ilja, Richard Pappik und David Young.

Quelle: Charlotte Goltermann

Kiel. Was haben Sie mit dem 30-Liter-Fass Nackenheimer Weines gemacht, der Dreingabe zur Carl-Zuckmayer-Medaille, die Ihnen am 18. Januar verliehen wurde?

Sven Regener: Das habe ich an den Galiani-Verlag hier in Berlin schicken lassen in der Hoffnung, dass die damit bitte jetzt mal eine Party ausrichten. Und zwar in der Berliner Wohnung des Kiepenheuer&Witsch-Verlegers.

Ist das schon passiert oder warten Sie noch drauf?

Nein, da warte ich noch drauf.

Sie sind aber guter Hoffnung, dass das noch passiert?

Das wird passieren, sicher. Das ist ein partyfreundlicher Verlag.

Besagte Medaille habe ja vor Ihnen schon einige andere Leute von Rang und Namen erhalten, darunter Friedrich Dürrenmatt, Martin Walser, Udo Lindenberg, Volker Schlöndorff, Bruno Ganz. Fühlen Sie sich gut aufgehoben in dieser Galerie?

Absolut! Alles prima, da gibt’s nichts zu meckern. Bruno Ganz war bei der Verleihung auch dabei, herrlich.

Unter den Preisträgern ist auch Monika Maron, ausgezeichnet 2003. Die Schriftstellerin ist schon lange vor der Verschlimmerung des Flüchtlingselends mit islamkritischen Artikeln aufgefallen.

Wir reden ja hier auch über Kunst. Und über die deutsche Sprache, dafür wird ja die Zuckmayer-Medaille verliehen, für besondere Verdienste um die deutsche Sprache. Und da soll man jetzt auch bitte nicht  zu sehr in Gesinnungsschnüffelei und Berufsverbotewahn verfallen. Um zu asagen, Leute die jetzt eine andere Ansicht haben zu bestimmten Dingen als ich, die sind jetzt zu verurteilen und dann muss man sich von denen distanzieren und dann sollen die auch so einen Preis nicht bekommen. Das finde ich nicht in Ordnung. Monika Maron kann zum Islam denken, was sie will. Das ist mir eigentlich relativ wurscht. Und sie kann das auch äußern. Wenn wir dahin kommen, dass wir das die Leute nicht äußern lassen oder sie sofort zu Unpersonen erklären, dann haben wir ein Problem in der Debatte um diese Dinge. Man muss mit Frau Maron nicht übereinstimmen in allen Dingen, man kann trotzdem akzeptieren, dass sie eine gute Schriftstellerin ist, die sich durchaus Verdienste um die deutsche Sprache erworben hat.

Sie haben ja schon gesagt, dass die Medaille für die Verdienste um die deutsche Sprache verliehen wird. Jetzt habe ich mich an ein Interview erinnert, dass sie 2011 mit meinem  Kollegen Manuel Weber für unsere Zeitung geführt haben. Darin antworten sie auf seine Frage, ob Text und Musik ganz selbstverständlich zusammen gehören, mit einem klaren Ja. In dem Kontext nannten Sie Bob Dylan als Beispiel für diese Illegitime Trennung und nannten die Idee eines Literaturnobelpreises für Dylan lächerlich. Jetzt haben Sie aber selber einen Preis bekommen für Ihre Verdienste um die Sprache. Wo bleibt die Musik?

Das ist ein ganz und gar schiefer Vergleich. Wenn Bob Dylan den Literaturnobelpreis gewinnen würde für sein Buch "Chronicles", die er geschrieben hat, dann wäre das in Ordnung. Ich sage aber, Songtexte sind keine Literatur im engeren Sinne, das muss nicht als Buch gedruckt werden, das muss gesungen werden. Das ist ganz wichtig. Bob Dylan hat alle Nobelpreise dieser Welt verdient, inklusive Nobelpreis für Physik und Frieden. Ich sage nur dies: Zu glauben, dass man etwas so Großartiges wie das Schreiben von Songtexten, worin Bob Dylan der Größte überhaupt ist, extra adeln müsste durch den Literaturnobelpreis, geht an der Sache vorbei. Ich würde mir einen Nobelpreis für Rock’n’Roll wünschen, da wäre dann Bob Dylan die allererste Wahl. Bob Dylan ist quasi der fleischgewordene Nobelpreis für Rock’n’Roll. Und wenn es einen Preis für Verdienste um die englische Sprache gäbe, dann hätte der den schon zehnmal verdient. Das ist gar keine Frage, auch für seine Songtexte.

Also ist die Zuckmayer-Medaille explizit auf Ihr literarisches Werk gemünzt gewesen?

Nein, auch in Bezug auf Songtexte. Es wurde beides in der Laudatio berücksichtigt. Um es ganz klar zu sagen: Es ist kein Literaturpreis, den ich für meine Songtexte bekommen hätte. Das hätte allerdings keinen Sinn gegeben. Ein Büchner-Preis explizit für meine Songtexte wäre Quatsch gewesen.

Haben Sie es je erwogen, mal ein Soloalbum zu machen?

Das könnte ich mir schon vorstellen. Aber bis jetzt habe ich das nie gewollt, weil ich lieber Musik mit der Band mache, ich bin der Teil von einer Band und es gibt nicht Besseres. Man hat auch nur eine richtige Band im Leben. Natürlich konnte Paul McCartney nach Auflösung der Beatles noch die Wings gründen, es war ja völlig klar, dass das dann letztlich sein Solo-Ding ist. In dem Moment, glaube ich, wo der Sänger einer Band ein Soloalbum macht, ist die Band schon so gut wie tot. Jedenfalls arg beschädigt. Die einzige Ausnahme sind, glaube ich, die Rolling Stones, aber auch deshalb, weil das damals niemand richtig gemerkt hat. Was nicht daran lag, dass die Platte sich nicht verkauft hätte, sondern weil sie dann doch so eindeutig wie eine Rolling-Stones-Platte klang, dass damals Keith Richards zu recht sagte, diese Platte hätte Mick auch mit uns machen können.

Meine Frage zielt auch darauf, dass bei Element of Crime der Fokus sehr auf Sie gerichtet zu sein scheint, als Texter, als Sänger. Was natürlich fast immer für den Sänger einer Band gilt. Ergeben sich bei Element of Crime daraus Probleme für das Gefüge oder ist das so homogen, dass das keine Rolle spielt?

Ich glaube, das war in den ersten Jahren durchaus ein Problem. Ich erinnere mich, als wir die zweite Platte rausbrachten, „Try To Be Mensch“, da waren wir ja gerade zu Polydor gekommen, und sehr zum Entsetzen dieser doch sehr traditionellen Schlager-Plattenfirma haben wir dann entschieden, dass es besser sei, wenn der Bassist und der Schlagzeuger auf Interviewreise gehen. Und das ging auch irgendwie, war aber für alle Beteiligten unbefriedigend, denn am Ende muss man sich natürlich eines klar machen, ob einem das gefällt oder nicht: Der Sänger hat in der Regel mehr Aufmerksamkeit als die Anderen in einer Band. Ob das jetzt gerechtfertigt ist, ist auch egal. Das ist der Typ, der auf der Bühne in der Mitte steht …

… und immer die Fotos kriegt …

… bei den Fotos ist das schon noch ein bisschen anders, da muss das nicht unbedingt so sein, da kann man sich auch gern mal fragen wer ist eigentlich jetzt der Sänger von denen, man muss sich nicht unbedingt nach vorne stellen. Aber bei den Live-Fotos ist das natürlich so.

Ja, das meinte ich.

Ja, klar, der Sänger ist die Stimme der Band. Auch im metaphorischen Sinne. Der wird immer die größere Aufmerksamkeit haben. Das ist nun mal bei einer song-orientierten Musik so. Wenn man einen Sänger hat, der damit nicht umgehen kann, dann hat man als Band ein Problem. Und wenn man einen Schlagzeuger oder einen Bassisten hat, der damit nicht umgehen kann, dann hat man auch ein Problem. Was wir aber oft bei Bands haben, sind so Zweier-Kombinationen, nehmen wir noch mal die Beatles: Lennon/McCartney. Die haben natürlich mehr Aufmerksamkeit gehabt als die anderen. Trotzdem haben sie dadurch, dass sie alle Songs geschrieben haben, selbst Ringo ja ein bisschen, das Problem fast noch am besten gelöst.

Zumal ja Ringo Starr auch einen sehr eigenen Sound entwickelt hat und daher auch nicht völlig zurückstand.

In meinen Augen, in meinen Ohren ist Ringo Starr einer der größten Rock’n’Roll-Schlagzeuger aller Zeiten. Aber wer beschäftigt sich schon damit, das ist doch Nerd-Kram für die meisten Leute. Noch schlimmer hat es der Bassist. Da haben die Beatles ja auch Glück gehabt, weil Paul McCartney eben auch Bassist war. Aber Bill Wyman, als der die Rolling Stones verließ, da ging kein Aufschrei durch die Gemeinde. Das ist bitter für ihn. Das ändert nichts daran, dass ein guter und oder schlechter Bassist über Sein oder Nichtsein einer Band entscheiden kann. Eine Band mit einem schlechten Bassisten, die kommt nie hoch. Und ein guter Bassist kann unheimlich viel rausreißen. Aber das weiß niemand. Die meisten Leute wissen nicht mal, was der Bassist macht. Die Musik ist eine sehr geheimnisvolle Kunst.

Es gibt nicht wenige Bands, die ähnlich anspruchsvolle Musik wie Element of Crime machen, aber viel weniger Erfolg haben. Warum hat das bei Ihnen geklappt.

Was heißt schon geklappt, man darf nicht vergessen: Es gibt immer noch einen, der mehr Platten verkauft als Du, der größere Hallen schneller ausverkauft, das gibt‘s immer. Das ist ja das Interessante bei diesem Erfolgsbegriff in der Kunst. Da verkauft man eine Million Platten, und dann kommt der nächste und verkauft zwei Millionen, oh Mann – das hört ja nie auf. Unsere erste Platte haben wir 800mal verkauft, beim Label  Ata Tak damals, mittlerweile wahrscheinlich 40000-, 50000-mal. Aber damals 800. Das war für Ata Tak eine schwierige Sache, weil das ein Zuschussgeschäft war. Aber wenn man sich 800 Leute auf einem Haufen vorstellt, dann sind das schon eine ganze Menge. Das ist ja kein Pipifax. Das ist das, was man beachten muss: Dass Erfolg nur eine gesellschaftliche Kategorie ist, die immer nur im Vergleich zu anderen bestimmt werden kann. Also auch eine Band, die 2000, 3000 Platten verkauft, ist natürlich eine erfolgreiche Band. Die Frage ist immer, ob es reicht, davon leben zu können. Ich denke immer: Erfolg ist Glückssache. Man kann alles Mögliche dafür tun, aber am Ende kann es so sein, dass das alles nichts nützt. Auch mit Timing hat das sehr oft zu tun. Ich glaube, unsere erste richtig erfolgreiche Platte war „Weißes Papier“. Warum gerade da, warum gerade die – ich weiß es nicht. Wir hatten ja nicht mal einen Single-Hit oder so. Es gibt musikalischen Erfolg und es gibt gesellschaftlichen Erfolg, und auf den letzteren hat man als Künstler letztlich wenig Einfluss.

Zum Schluss möchte ich auf eine Begebenheit aus den Anfängen von Element of Crime zu sprechen kommen, die einen regionalen Bezug hat: das „Baumgarten“-Desaster 1988 in der gleichnamigen Gaststätte in Bistensee …

Ja genial!

Was ist da passiert?

Na ja, das war so eine Disco, und der Eintritt war für den ganzen Komplex. Und in einem dieser Räume spielte eben auch eine Band, und das waren wir. Die falsche Band am falschen Ort. Und es ging immer so: „Spielt mal Pogo, spielt mal Pogo!“, und wir spielten halt dieses langsame, traurige Element-of-Crime-Zeug. Das kam nicht gut an. Was jetzt nicht weiter dramatisch gewesen wäre, wenn wir uns nicht stur, wie wir nunmal waren, geweigert hätten, noch Zugaben zu spielen. Nach dem Motto: Wenn ihr uns eh scheiße findet, dann könnt ihr uns mal. Wie es immer ist in solchen Fällen, gab es keine Möglichkeit zu entkommen, weil es keine richtige Backstage gab. Man musste hinten raus durch so ne Tür und stand dann auf einem Vordach. Und drinnen randalierte das Publikum und wollte unbedingt eine Zugabe. Die Betreiberin kam also raus auf dieses Vordach, ihr müsst aber jetzt spielen. Und wir: Nein, machen wir nicht, alles Schweine. Dann flogen schon die ersten Bierdosen oder -flaschen, und dann war eh klar, da geht nichts mehr. Dann haben wir da auch noch übernachtet, bei den Leuten, die diesen Laden betrieben, und am nächsten Morgen beim Frühstück waren alle ein bisschen bedrückt. Es tat mir auch leid für die, aber es war nicht zu ändern. Es gab drei so Desaster – Bistensee, Mainz-Oppenheim und St. Gallen – und es war immer der gleiche Ablauf. Wir waren dann einfach nicht die Punk-Band, die erwartet wurde.

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