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Griechisch ist ihr Temperament

Neuer Fortsetzungsroman: Autorin Linda Zervakis über Kioske, Hamburg und Disziplin Griechisch ist ihr Temperament

Fremd oder anders hat sich Linda Zervakis nie gefühlt in Hamburg-Harburg, wo sie als Kind griechischer Einwanderer aufgewachsen ist. Über ihre Jugend, ihre griechische Familie und deren Kiosk hat die „Tagesschau“-Sprecherin jetzt ein Buch geschrieben. Jetzt erscheint „Die Königin der bunten Tüte“ als Fortsetzungsroman unserer Zeitung. Hier spricht die Autorin und "Tagesschau"-Sprecherin über das Buch und alte Zeiten.

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Zu Hause in Hamburg, Sehnsucht nach Griechenland: Linda Zervakis.

Quelle: imago stock&people

Hamburg. Frau Zervakis, der Filmemacher Lars Jessen hat den Satz geprägt: „Imbisse sind die tragenden Säulen der Kultur.“ Lässt sich das auf den Kiosk übertragen?

Unbedingt. Kioske sind ja wie Friseursalons. Das sind Treffpunkte, an denen sich die Leute zum Feierabendbier treffen. Wir waren in Harburg auch so ein Anlaufpunkt und hatten oft die Schlüssel von den Nachbarn. Wir waren eben immer da und vielleicht auch ein Stück Geborgenheit im Viertel.

Was gehört denn für Sie in eine ordentliche bunte Tüte?

Für mich gehören auf jeden Fall diese Kirschen – Happy Cherries heißen die, glaube ich – rein, saure Pommes und Salinos. Ich liebe Lakritz. Und an ganz besonderen Tagen nehme ich die sauren Bänder. Zum Buch aber habe ich sehr viele Tüten geschenkt bekommen – das war ein Fest.

Ihre Kindheit am Kiosk Ihrer Eltern spiegelt auch ein Stück bundesrepublikanischer Alltagsgeschichte…

Ich wollte meinen Alltag erzählen und zeigen, wie ich groß geworden bin. Der Anlass war auch ein wenig zu sagen, dass auch, wenn man in kleinen Verhältnissen aufwächst, nicht alles düster ist. Es war oft auch sehr lustig, da drin zu stehen, wenn Stammkunden in den Laden kamen und immer wieder das Gleiche kauften. So ist die Idee zum Buch entstanden, und ich bin dann mit meiner Mutter noch mal eingetaucht in die alten Geschichten. Dass das exemplarisch sein könnte, war mir da noch gar nicht bewusst.

Sie haben am frühen Morgen die Brötchenlieferung entgegen genommen und am Wochenende mit Ihrem Bruder im Kiosk Dienst geschoben. Nicht unbedingt das, was sich Jugendliche so vorstellen. Haben Sie auch mal gestreikt?

Wir haben tatsächlich immer gespurt. Das hatte ja schon etwas von Arbeit, auch von Verantwortung. Und man wusste einfach: Es geht nicht, dass ich jetzt rebelliere. Denn wenn ich streike, dann steht alles still. Und dafür wollte man nicht der Auslöser sein.

Haben Sie nie damit gehadert?

Ich wäre mit 17, 18 auch gern länger auf der Party geblieben; aber ich musste eben morgens meine Mutter in den Laden fahren und danach in den Großmarkt. So war man immer ein bisschen vernünftiger als die anderen. Das hat mich für den Job erst beim Radio, dann beim Fernsehen eine gewisse Disziplin gelehrt. Und es war eine super Vorbereitung auf den Schichtdienst.

Disziplin ist ein gutes Stichwort. Geht die auf das griechische Erbe oder die deutsche Sozialisation zurück?

Beides. Die habe ich von meinen Eltern gelernt. Was absolut konträr zu dem steht, was in der Griechenland-Berichterstattung vermittelt wird. Fakt ist aber, dass in meiner Familie immer sehr viel gearbeitet wurde und wird. Und diese Disziplin hat sich offenbar ganz gut gepaart mit den deutschen Grundwerten.

Ihre Eltern sind als Gastarbeiter in den Sechzigern nach Hamburg gekommen, und Sie stellen die Familie ja auch „mit Migrationshintergrund“ vor. Im Buch aber hat man das Gefühl, dass das damals gar kein großes Thema war?

Es war schon so, dass sich meine Eltern hier immer ein bisschen fremd gefühlt haben. Aber sie haben auch sofort akzeptiert, dass es hier etwas andere Spielregeln gibt. Außerdem hat uns meine Mutter ziemlich bald einer deutschen Frau, Tante Toni, anvertraut. Das fand ich extrem mutig und einen großartigen Schritt. So sind wir quasi im deutschen Alltag aufgewachsen.

Haben Sie sich je als Migrantenkind gefühlt?

Nein, nie. Es gab nie „Linda ist anders“, sondern einfach nur Linda. Das hat niemanden interessiert. Ich war eher überrascht, als ich in die Tagesschau gekommen bin und mir die Presse dieses Etikett aufgedrückt hat: Die erste Sprecherin mit Migrationshintergrund. Ich hatte ja vorher schon neun Jahre lang bei N-Joy Nachrichten geschrieben und präsentiert.

Und was ist das Griechische an Ihnen?

Auf jeden Fall ein gewisses Temperament. Der Humor und dass ich gern laut lache. Und ich habe eine gewisse Grundgelassenheit. Ich kann auch fünf Minuten vor Abflug in den Urlaub noch entspannt einchecken. Hauptsache, ich habe vorher zu Hause den Abwasch geschafft.

Was können Sie mit dem Begriff „Heimat“ anfangen? Gibt es das Wort auch im Griechischen?

Ja, klar gibt es das. Das heißt Patrida. Für mich ist meine Heimat Hamburg. Aber wenn ich in Griechenland aus dem Flieger steige, dann bin ich wie ein Stecker, der in die Steckdose passt. Das geht innerhalb von Sekunden. Ich schaffe es nicht jedes Jahr, dorthin zu fahren. Aber wenn ich es nicht wenigstens alle zwei Jahre hinbekomme, merke ich, dass ich unruhig werde. Dann brauche ich das Licht, die Sprache, die Atmosphäre, um meinen griechischen Akku aufzuladen.

Interview: Ruth Bender

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