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Jette Steckel inszeniert „Kasimir und Karoline“

Thalia Theater Jette Steckel inszeniert „Kasimir und Karoline“

Faust-Preisträgerin Jette Steckel inszeniert am Hamburger Thalia Theater ein Horvath-Doppel. Sie verbindet "Kasimir und Karoline" und "Glaube, Liebe, Hoffnung" zu einem Stück.

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Ein Strauß überdimensionierter Ballons, die nichts von Luftigkeit haben, hängen über der Bühne. Ein Horváth-Doppel inszeniert Jette Steckel am Thalia Theater in Hamburg.

Quelle: Krafft Angerer

Hamburg. Grau und schwer wie Bleikugeln hängen sie über der Bühne: Ein Strauß überdimensionierter Ballons, die nichts von Luftigkeit haben. Sicher, im Licht glitzern sie schon mal verheißungsvoll wie Christbaumkugeln – aber da weiß man längst, dass die Leute, die darunter und dazwischen über die Drehbühne im Thalia Theater hudeln, mit der Leichtigkeit des Seins nichts am Hut haben.

Sie haben es ja auch nicht leicht, wie Ödön von Horvàth (1901-1938) sie da in seinen Stücken aussetzt, zwischen ihrer Angst um das tägliche Brot und der Sehnsucht nach dem besseren Leben. Und sie schenken sich auch selber nichts mit ihrer Lügerei und den ewig falschen Gefühlen. Also klemmt Jette Steckel sie in ihrem Horváth-Doppel Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen am Thalia Theater ein in den Schraubstock von Rausch, Rave und Realität. Elisabeth, die in Glaube Liebe Hoffnung zwischen Bürokratie-Mühle und Mitleidlosigkeit verloren geht und ihren Körper dem Anatomischen Institut verkaufen will. Kasimir, der düstere Ex-Chauffeur, und seine Braut Karoline, die von allem immer nur das eine will: „Nochmal.“ Und all die anderen vom feigen Schupo Klostermeyer bis zum brutalen Oberpräparator, die ihnen und sich selbst so weh tun.

Sie treiben über die Florian Lösches tolle Bühne wie zersprengte Moleküle. Ferngesteuert und ziellos zugleich. Von den taumelnden Ballons wie von unklaren Fliehkräften an- und abgestoßen oder einfach gestoppt. Sie laufen sich fest in zuckenden Tanzposen und überhitztem Rausch: Immer rein ins Vergnügen. Das sieht schon nicht gut aus auf der Kirmes, als Kasimir und Karoline nur streiten. Mirco Kreibich ein düsterer Melancholiker, roh und verletzlich zugleich; Maja Schönes Karoline eine nimmermüde Aufziehpuppe, süchtig nach dem Moment und endlosem Spaß. Auch wenn der nirgendwohin führt.

Jette Steckel, gerade für ihre Romeo und Julia-Inszenierung am Thalia mit dem Faust-Theaterpreis ausgezeichnet, montiert und verdichtet die beiden Geschichten, die auch bei Horvàth zunächst zusammengehörten, zum Spiegelkabinett der Vergeblichkeit. Angetrieben vom dunkel puckernden Beat, den Anton Spielmann (alias 1000 Robota) dem Abend unterlegt, oder einem seltsam schönen Anti-Rhythmus, der so verquer zwischen Jazz und Kirmes trabt.

Das ergibt interessante Korrespondenzen, von Schauspielern und Bühne, oder wenn die paar der Nebenfiguren verschwimmen: Die vermeintlichen Gutmenschen Schürzinger und Präparator (schön kriecherisch: Sebastian Rudolph), der gnadenlose Oberpräparator und der Kommerzienrat Rauch (mafia-tauglich: Matthias Leja), Elisabeths Chefin Hermine Prantl und die rettende Krankenschwester (fies überdreht: Patrycia Ziolkowska). Und Karin Neuhäusers gebeutelte Erna wandelt dazwischen wie eine angeschrammter Schutzengel.           

Spaß ohne Ende – das malt Steckel aus als permanente Drohung; die menschliche Tragödie gerät in die Endlosschleife – und da kommt Horvàth als Dramatiker der Stunde voll auf den Punkt. Aber die Regisseurin lässt sich von dem Nicht-genug-kriegen-Können auch verführen. Nochmal dreht sich die Drehbühne. Nochmal rollen die Kugeln. Noch ein Bier und noch ein Rausch. Das zieht sich. Weil alles schon gesagt ist. Und getan. Irgendwann ist dann einfach die Luft raus - so wie bei den Ballons, die am Bühnenboden erst schrumpeln und dann allmählich in sich zusammenfallen.

Thalia Theater Hamburg. Vorstellungen: 4., 11., 12. Dezember; 2., 3, 5., 11. Januar. Kartentel. 040-32814444, www.thalia-theater.de

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