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Nach der Wut in Hamburg

Thalia Theater Nach der Wut in Hamburg

Mit "Wut/Rage" in die neue Spielzeit: Unter dem Titel ist die Verquickung je eines Stücks von Elfriede Jelinek und Simon Stephens am Freitagabend im Thalia Theater Hamburg uraufgeführt worden. Das Publikum reagierte mit viel Beifall auf das auf zwei Stunden gekürzte gesellschaftliche Stimmungsbild.

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Gefeiert in Hamburg: Szene aus "Wut/Rage", Doppelstück von Jelinek und Stephens.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Hamburg. Die Wut ist schon kalt geworden an diesem Abend. Geblieben ist das Absperrband, das Rettungskräfte und Polizei an Tatorten aufspannen. Und ein einsamer Brandmann, der den Streifen in mählichem Hin und Her akribisch auf- und wieder entrollt, als ließe er sich im nächsten Einsatz erneut verwenden. Das Schlimme ist passiert, aber längst nicht zu Ende, und das Absperrband hält auch nichts im Zaum – nicht den Terror und nicht die Wut, der Karin Neuhäuser in einem starken Monolog als mosernder Ordnungshüter nachschmeckt. Die gärende Bevölkerung mischt sich da mit den Tätern, die immer interessanter sind als die Opfer, Gotteskrieger mit Nationalismus und machtlosen Göttern, die sich eher vor den Menschen fürchten müssten als umgekehrt.

Vieles kommt mit vielem zusammen in Elfriede Jelineks im April in München uraufgeführtem zornigen Wortstrom, den die Literaturnobelpreisträgerin unter dem Eindruck der Anschläge auf die Zeitschrift Charlie Hebdo und einen Supermarkt in Paris schrieb, und den Regisseur Sebastian Nübling nun zum Saisonstart im Thalia Theater auf die Bühne bringt. Verschränkt mit einem neuen Theatertext von Englands Dramatiker-Star Simon Stephens, dessen Uraufführungen Nübling regelmäßig inszeniert. Rage ist eine von Fotos aus der Silvesternacht in Manchester inspirierte Szenenfolge, Bilder von Anmache und Aggression – Ausnahmezustand.

Hemmungslose Silvesterparty auf der Bühne

Die Bühne (Eva-Maria Bauer) ist leer bis auf einen gigantischen Schriftzug „Happy New Year“ in Flower-Power-Optik. Verhalten pulst der Beat (Musik: Lars Wittershagen), und drei Frauen und vier Männer zucken sich dazu durch die Nacht. Sie begrapschen, beschimpfen und besaufen sich. Es wird gekotzt, gepinkelt und getanzt auf dem Vulkan des Jahreswechsels.

Stephens hat aufmerksam ins Party-Geblubber gelauscht und den alltäglichen Rassismus herausdestilliert. Und Nübling setzt das alles in eine aufgeladene Endzeitstimmung. Die ruckt in einer rhythmischen Endlosschleife, in der sich die Schauspieler festfahren wie Duracell-Hasen, die ja auch nur weitermachen können, bis die Batterie ihren Geist aufgibt. Mal eiert die Bewegung in die Zeitlupe, mal nimmt sie Fahrt auf und erhöht kurzzeitig brutal die Drehzahl – wenn für die Mädchen (Marina Galic, Franziska Hartmann, Marie Löcker) im Zickenkrieg der Fremdenhass zur Wahl der Waffen gehört, oder bei den Jungs (Sebastian Zimmler, Sven Scheiker, Julian Greis, Kristof van Boven) das Gangsta-Gehabe plötzlich Ernst wird. Was schon wieder authentisch wirkt in einem zum untergründigen Dauerrauschen abgeflachten aggressiven Grundgefühl: Ist doch alles entspannt, alles locker. So kultiviert sieht man der Wut ihre Wut gar nicht an. Das macht sie gesellschaftsfähig.

Nicht Jelineks bester Text zwischen Endzeitstimmung und Ende

Was bei Jelinek schon gelaufen ist, das kann bei Stephens jederzeit von der unflätigen Verbalinjurie ins Tätliche umschlagen. So fügt Nübling die beiden grundverschiedenen Texte klug ineinander, zähmen und strukturieren die Stephens-Szenen den wuchtigen, aber auch etwas drögen Jelinek’schen Wortbruch, der sicher nicht zu den besten der Literaturnobelpreisträgerin gehört und dessen 120 Seiten der Regisseur mächtig zusammengedampft hat. Und das ausgesprochen gut getunte Ensemble malt nicht nur bizarre Typen dazu, es hat auch keine Angst, den heißgelaufenen Ausnahmezustand vorzuführen - in oft schwer zu ertragenden Bildern.

Nur die Jungen tun das, sinniert Karin Neuhäuser mit Elfriede Jelinek über Täter und Terror, was natürlich ziemlich fies denunzierend wirkt. Aber sie fasst auch zusammen, woran’s liegt: „Das Problem ist wie üblich, dass uns niemand liebt.“ So einfach? Vielleicht. Und so verfahren. Im lichtgewitternden Finale weiß man denn auch nicht genau – ist hier nun Feuerwerk oder Krieg? Noch Endzeitstimmung oder schon Ende? Bei Nübling ist die Grenze dazwischen haarfein.

Wut/Rage

Thalia Theater Hamburg 24.+25. September, 9., 11., 22., 23., 26. Oktober. Kartentel. 040/32814444, www.thalia-theater.de

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