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Aufgehen in der musikalischen Nische

Theater Kiel Aufgehen in der musikalischen Nische

Bitte keine Schubladen: Der rasant sprechende und im Gespräch reich gestikulierende Dirigent Daniel Carlberg, der mit dem Neujahrskonzert sein Amt als Erster Kapellmeister und Stellvertretender Generalmusikdirektor am Theater Kiel antritt, bezeichnet sich als „musikalischen Allesfresser“.

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Der Dirigent Daniel Carlberg dirigiert das Neujahrskonzert der Kieler Philharmoniker

Quelle: Björn Schaller

Kiel. „Ich versuche, Spezialist für das zu sein, was ich gerade mache.“ Wenn überhaupt, lässt sich der erklärtermaßen in der Spätromantik des 19. Jahrhunderts verwurzelte Daniel Carlberg darauf ein, besonderes Interesse an der klassischen Moderne zu bekunden. Als Erster Kapellmeister und kommissarischer GMD in Dessau ist er da noch bis zum Ende der laufenden Spielzeit an der richtigen Adresse. In der Bauhaus-Stadt liegt es nahe, sich im Kontext von Walter Gropius oder Oskar Schlemmer mit Kompositionen der 20er- und 30er-Jahre auseinanderzusetzen. Dort konnte er Wunschstücke wie Strawinskys Tanzkantate Les Noces oder Honeggers Oratorium Jeanne d’Arc au bûcher einstudieren, durch eine eigene Konzertreihe im Bauhausgebäude buchstäblich neue Räume erschließen, spartenübergreifend Lichtinstallationen, Schauspiel und Ballett einbeziehen sowie ab Ende Februar wieder beim Kurt-Weill-Fest Akzente setzen.

Carlberg findet es wichtig, „mitten im Geschehen“ zu wohnen, ist froh, durch eine Wohnung in der Dänischen Straße jetzt auch in Kiel schnell erreichbar zu sein, und erklärt fast ein wenig feierlich: „Ein Theater braucht unbedingt den Bezug zur Stadt, zu den Menschen, für die wir spielen.“ Mit Georg Fritzsch will er aushecken, wie das Finden „musikalischer Nischen“ auch an der Förde noch verstärkt gelingen kann. Den GMD kannte er vor seiner Bewerbung und den Probedirigaten im Klaiber-Studio und am Pult von Tschaikowskys Eugen Onegin nur mittelbar über seinen ehemaligen Dessauer Chef Antony Hermus. Selbst beim Dirigentenforum, in dem Carlberg jahrelang Hochbegabten-Stipendiat war, sei man sich erstaunlicherweise nie begegnet.

Der Karriereweg des 1974 geborenen Sauerländers begann in Kassel, „erblich vorbelastet“, wie der Musiker lachend anmerkt: Beide Eltern waren dort Orchestermusiker aktiv. Und auch der eigene Drang zum Dirigieren stammt noch aus Schülertagen, der erste Versuch startete vor dem Jugendorchester seiner Geigenlehrerin.

Station am zeitweise interessantesten Opernhaus

Noch während des Studiums landete Carlberg als Studienleiter in Deutschlands zeitweise wohl interessantestem Opernhaus: am Theater Meiningen. Dort wirbelte die Intendantin Christine Mielitz, waren „tolle Sängerstars von morgen“ wie Elina Garanca engagiert. Vor allem aber durfte Carlberg dort Assistent von dem aus seiner Sicht extrem „integer und motivierend“ agierenden GMD Kirill Petrenko sein, den die Musikwelt ja inzwischen als designierten Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker kennt.

Der weitere Weg führte bewusst über die gute alte „schulmeisterliche Laufbahn“: 2001 wurde Carlberg Korrepetitor in Linz bei Dennis Russell-Davis, hatte danach als Zweiter Kapellmeister Gelegenheit, am Badischen Staatstheater Karlsruhe etliche „Stücke zu fressen“. Während er nun am Rathausplatz Puccinis Tosca erarbeitet („ein tolles Stück, perfekt vom ersten bis zum letzten Takt“) und in Dessau wieder die spürbar überlegene Akustik im riesigen Nazi-Bau des dortigen Theaters genießt, moderiert und dirigiert er in Kiel zu Neujahr eine selbst konzipierte, „facettenreiche Walzerreise durch Europa“ – von Webers Aufforderung zum Tanz über Strauß’ Frühlingsstimmen bis hin zum „morbiden Walzercharme“ bei Ravel, Sibelius oder im Rosenkavalier.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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Neujahrskonzert Kiel
Foto: Ergänzten sich perfekt: Koloratursopranistin Hye Jung Lee und Kiels souveräner neuer Erster Kapellmeister Daniel Carlberg.

Gelungener Einstand vor begeistertem Publikum: Kiels neuer Erster Kapellmeister Daniel Carlberg konzipierte und dirigierte im gut besuchten Schloss ein stimmiges Neujahrskonzert der Philharmoniker rund um den Walzer in Europa. Brillante Akzente setzte dabei die Koloratursopranistin Hye Jung Lee.

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