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Menschen und Simulationen

Theater Lübeck Menschen und Simulationen

Regisseur Gernot Grünewald zieht seine Sache durch bis zuletzt: Er selbst und sein Team lassen sich zum sehr angeregten Schlussapplaus nach der Premiere der Fassbinder-Adaption Welt am Draht im Theater Lübeck nicht blicken, und auch für die meisten Schauspieler fallen die sonst an dieser Stelle üblichen Verbeugungen aus.

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Doppelte Ebene: Die Akteure müssen während des Stücks die Lippen synchron zu ihren Filmabbildern bewegen.

Quelle: Heiko Schäfer

Lübeck. Regungslos wie Schaufensterpuppen lässt Grünewald sie auf der Bühne der Kammerspiele stehen, wo sie zuvor, vom Zuschauerraum durch eine transparente Wand getrennt, gute zwei Stunden lang Pantomime gespielt haben, gesten- und lippensynchron zu ihren Filmabbildern über ihnen. Der Einzige, der den verdienten Applaus mit ausgestellter Lebhaftigkeit entgegennehmen darf, ist Will Workman als Fred Stiller.

 In der kompliziert verschachtelten Science-Fiction-Geschichte um computersimulierte Realitäten, in denen die „Identitätseinheiten“ eines Programms zur Zukunftsprognose sich selbst für echte Menschen halten und selbst ein Simulationsprogramm starten, hat Stiller es schließlich geschafft, vor die Wand und damit in die für das Publikum reale Welt zu gelangen.

 Grünewald inszeniert auf drei parallelen Wirklichkeits- und Wahrnehmungsebenen: Eine Ebene ist der transparente, bis auf wenige Möbelstücke leere Kasten auf der Bühne, in dem sich die Schauspieler wie in einer Versuchsanordnung oder virtuellen Spiegelwelt in vorgezeichneten Bahnen bewegen und äußerlich kaum voneinander unterscheiden (Ausstattung: Michael Köpke). Die anderen beiden Ebenen zeigen sich in den bühnenbreiten Filmsequenzen über dem Plexiglaskasten. Darin mischen sich aufwendig vorproduzierte, mit einer Stirnkamera aus der Perspektive Stillers an verschiedenen Orten in Lübeck aufgezeichnete Spielszenen mit schwarzweißen, von der Bühne übertragenen Bildern (Video: Jonas Plümke) und Regieanweisungen.

 Ein interessantes, aber auch anstrengendes Seherlebnis, weil man Bühne und Film nur schwer gleichzeitig beobachten kann. Und nicht nur damit mutet Grünewald den Zuschauern einiges zu: Wer den Fernseh-Zweiteiler von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1973 nicht kennt oder die Romanvorlage Simulacron-3 von Daniel F. Galouye, verliert bei der Vielzahl der Figuren schnell den Überblick. Zumal nur vier Schauspieler (Will Workman, Jan Byl, Matthias Hermann, Thomas Schreyer) und zwei Schauspielerinnen (Cornelia Dörr, Marlène Meyer-Dunker) in den insgesamt 17 Rollen zu sehen sind.

 Die eine oder andere Figur wäre verzichtbar gewesen, doch hat sich Grünewald eng an das Drehbuch von Fassbinder und Fritz Müller-Scherz gehalten. Das bringt nicht nur manchen Anachronismus mit sich, wie die klischeehaft veralberten Sensationsreporter oder die Sekretärin mit dem hochgeschlitzten Rock. Es verhindert auch einen deutlicher artikulierten Bezug zur Aktualität einer Gesellschaft, in der digitale Überwachung und die gezielte Auswertung von „Big Data“ keine Zukunftsvisionen mehr sind.

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