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„Theater ist Veränderung“

Jolanta Sutowicz erhält den Kieler Kulturpreis 2012 „Theater ist Veränderung“

Gleich zwei Kulturpreisträger hat die Stadt Kiel am kommenden Sonntag zum Abschluss der Kieler Woche zu ehren. Jolanta Sutowicz, Schauspielerin und Erfinderin des Theaterfestivals „Thespis“, und der Künstler und ehemalige Muthesius-Professor Bernhard Schwichtenberg teilen sich den mit 10000 Euro dotierten Preis, den die Stadt im Wechsel mit dem Wissenschaftspreis zweijährig vergibt. Wir stellen zunächst Jolanta Sutowicz vor.

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Keine Frage nach dem Warum: „Theater muss sein!“, sagt Jolanta Sutowicz.

Quelle: Peter

Kiel. Vor zwei Jahren, 2010, hatte sie schon mit Abschiedsgedanken gespielt. Vielleicht, sinnierte Jolanta Sutowicz damals im Festival-Shuttle irgendwo zwischen Pumpe und Schauspielhaus, ist das hier mein letztes Monodrama Festival Thespis... Aber dann war sie wieder im Theater, in Minsk oder Moskau, Hamburg, Berlin oder Edinburgh, hat etwas gesehen, was sie gepackt hat, gefesselt, begeistert. Ein Stück, einen Schauspieler, ein Ensemble. Und schon ist er wieder da, der Gedanke: „Das muss man doch zeigen! Das muss man nach Kiel holen!“ Großschauspieler wie Josef Bierbichler zum Beispiel, Angela Winkler, der im vergangenen Jahr verstorbene Heinz Bennent, der mit Sohn David hier einen seiner letzten Auftritte hatte. Aber auch Theatermacher aus Afrika, Armenien und Israel, aus Polen, Frankreich oder Japan.

Also steckt die Schauspielerin und Festival-Direktorin jetzt, wo sie für eben dieses nimmermüde Engagement den Kieler Kulturpreis bekommen soll, längst wieder in den Festival-Vorbereitungen. Im November wird die achte Ausgabe von „Thespis“ in Kiel über die Bühne gehen. Mittlerweile eine Institution – und seit 2003 unter dem Dach des Internationalen Theaterinstituts ITI das Netzwerk der Monodramen-Festivals gegründet wurde, funktionieren Austausch und Zusammenarbeit grenzübergreifend. „Vor zwei Jahren war ich dabei, als Feridun Zaimoglu den Kulturpreis bekam und habe mich mit ihm gefreut“, sagt sie, „damals hätte ich nie gedacht, dass mir das auch passieren könnte.“

Spielen wollte Jolanta Sutowicz beinahe immer schon. Auch als Kind in Stargard, Vorpommern, wo sie 1945 zur Welt kam. „Ich habe meiner armen Mutter die ganze Klasse mit nach Hause gebracht und gesagt: Jetzt ist hier Theater“, sagt sie und der Blick geht dabei in die Ferne. Romeo und Julia hat sie damals für ihre kleine Inszenierung mit Othello vermischt, noch ein bisschen eigene Fantasie eingestreut – „und dann haben wir improvisiert...“

Nach dem Abitur ging sie nach Krakau an die Schauspielschule, traf auf Jerzy Grotowski und seine Idee vom armen Theater. „Er hat uns Schauspieler praktisch hypnotisiert. Diese Tiefe und Konzentration mochte ich sehr.“ Ein Jahr lang spielte sie in seiner Truppe, was bedeutete: Theater ist alles, ein Privatleben gibt es nicht. „Ein Klosterleben“, das ihr nach einem Jahr zu eng wurde. Nach dem Schauspieldiplom spielte sie in Krakau, Breslau, Warschau, Stettin. Und arbeitete mit Filmregisseuren, die längst Legende sind: Andrzej Wajda, Krzysztof Zanussi, Agnieszka Holland. Letztere hat Jolanta Sutowicz die Selbstzweifel ausgetrieben. „Was willst Du, hat sie mir einmal gesagt: Du bist nicht schön, aber du bist interessant. Das war ein Schock – aber seither quäle ich mich nicht mehr mit mir.“

Der Blick wechselt zwischen heiter und leise melancholisch, während Jolanta Sutowicz erzählt. Schweift in die Heimat, die sie 1986 mit einem Italien-Visum verließ, als es unter General Jaruzelski gefährlich wurde, in Stettin weiter Untergrundtheater zu machen. Mit Mann und Hund ging sie damals nach Berlin, kam über die Vermittlung von Freunden später nach Kiel. Seither ist auch die Landeshauptstadt ein Stück Heimat geworden. „Komisch“, sagt sie, „die Sehnsucht nach den Bergen, dem ganz anderen, die hatte ich schon in Polen. Aber ich bin glücklich, wenn ich den Duft von Meer rieche. Und wenn ich nach Kiel komme, merke ich, dass ich atmen kann.“ Hier hat sie am Polnischen Theater gespielt und bei den Komödianten zum Beispiel in Tennessee Williams’ Dialogstück Outcry. Hier hat sie 1999 Thespis auf die Beine gestellt – mit kleinem Budget, aber viel privater und freundschaftlicher Unterstützung.

Das fasziniert sie bis heute: auf der Bühne eine Welt zu erschaffen, die für die Dauer eines Stücks, einer Inszenierung echt ist und einzig. „Ich gebe da einer literarischen Figur Fleisch und Blut...“, sagt sie. Und dass sie immer tief in ihren Rollen habe schürfen müssen: „Mit Leichtigkeit konnte ich nie spielen.“ Umso beglückender der Moment, wenn sie wusste, wo sie die Rolle packen musste: „Das war wie eine Erleuchtung. Und ab da ist man wie ein Bildhauer, der seine Figuren schafft und formt.“ Erst seit sie nicht mehr spielt, kann sie diese Kunst so richtig genießen. Als bloße Zuschauerin fühlt sie sich befreit vom Konkurrenzdruck: „Jetzt kann ich die Schauspieler richtig lieben.“ Und wenn sie etwas liebt, dann geht es los: „Schon sitze ich am Telefon, organisiere, springe...“ Wie ein Virus ist das.
Die Frage nach dem Warum ihrer Kunst hat sich für Jolanta Sutowicz nie gestellt: „Theater ist lebendig, immer in Veränderung...“ Und es ist ihr so selbstverständlich, dass sie es ganz einfach sagt: „Theater muss sein!“

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