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Paare und Gegensätze

Ausverkaufte Oper Kiel: Ballettgala begeisterte mit internationalen Gästen Paare und Gegensätze

Klassisches Ballett trifft Tanzexperiment: Die Ballettgala, traditionell zur Kieler Woche von den Theaterfreunden ausgerichtet, präsentiert die Vielfalt des Tanzes. Und beglückte das Publikum im ausverkauften Opernhaus Kiel.

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Roland Walter (li.), in Hamburg Inklusionsbotschafter, und Ahmed Soura, Tänzer aus Burkina Faso, erweitern in „Why not?“ das Spektrum von Tanz und Bewegung.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel.. Ein Ballettklassiker wie der Pas de deux Le Spectre de la Rose von Michel Fokine oder die wilden Nachtgestalten, die Darrel Toulon in seiner Choreografie "Blame it on the Moondog" aufeinanderprallen lässt – in der Ballettgala, traditionell zur Kieler Woche von den Theaterfreunden ausgerichtet, passt alles zusammen. Es geht um Vielfalt, um Farben und Facetten an diesem Abend – und die ließen sich auch diesmal im ausverkauften Opernhaus entdecken. Mit Herzblut moderiert von Virginia Möller, die sich als langjährige Tänzerin und Choreografin im Kieler Ballett von Heinz Weitz hier sichtlich zu Hause fühlte.

Natürlich geht bei einer Gala nichts ohne Gäste. Und so hat Kiels Ballettchef Yaroslav Ivanenko, der im März an der Staatsoper Ankara Tschaikowskys "Eugen Onegin" choreografierte, seine Solisten aus der Türkei gleich eingeladen. Erstmal glänzen Özge Basaran und Burak Kayihan im gefühlsgeladenen Pas de deux von Tatjana und Onegin. Später kehrt Özge Basaran mit einem hochkonzentrierten Solo wieder, in dem Ballett und Ausdruckstanz verfließen, und mit Kayihan im kontemplativ verschlungenen Doppel des türkischen Choreografen Mehmet Balkan.

Überhaupt setzt der Pas de deux das Thema des Abends und öffnet neben dem klassischen Ritual neue Begegnungsräume. Da finden Dimo Kirilov Milev und seine Partnerin Tamako Akiyama in ihrem preisgekrönten Stück Aimless mit unglaublicher Lässigkeit in einen bewegten Gleichtakt, nehmen beide einander beiläufig mit in ein eindrucksvoll organisches Miteinander. Eine Übung in Leichtigkeit zaubern die Kieler Tänzer Marina Kadyrkulova und Meirambek Nazargozhayev mit "Ne m’oublie pas" zu Yann Tiersens Filmmusik "Die fabelhafte Welt der Amelie" auf die Bühne. Ein Stück, das Ivanenko 2004 für sich und Heather Jurgensen kreiert und zum Jubiläum der Theaterfreunde aufgefrischt hat. Eine Liebeserklärung, erst sachte, dann verspielt und immer wieder innig.

Einem schon legendären Neumeier-Klassiker huldigen Edvin Revazov und Anna Laudere, zwei der Solisten-Stars im Hamburg Ballett und erstmals in Kiel zu Gast, mit ihrem entrückten Ausschnitt aus der Kameliendame (1978), während Sabina Faskhi und Shizuru Kato aus Kiel in Le Spectre de la rose auf den Spuren der Tanzlegende Vaslav Nijinsky wandeln.

 So flirrt das Programm zwischen den Gegensätzen, locker eingespannt in den Rahmen der beiden fulminanten Gruppenauftritte der Kieler Compagnie, die zur Eröffnung launig durch Vivienne Hötgers Paare-Passanten-Variation On Spec trudelt und schließlich im pumpenden Disco-Beat die Nacht und das Leben feiert (Blame it on the Moondog).

 Und am überraschendsten ist der Abend da, wo der Tanz an seine Grenzen gerät und eben diese zu nutzen weiß. Why not? heißt das Stück des Tänzers Ahmed Soura aus Burkina Faso und des spastisch gelähmten Roland Walter, entstanden 2015 am Monsun Theater in Hamburg. Ein Experiment, so mutig wie Horizont erweiternd. Erst sieht man Souras (der übrigens in Kiel 2012 das 8. Monodrama Festival Thespis eröffnete) kraftvollen Körper in zuckend pumpender Dynamik – mal die Richtung verlierend, mal in der Bewegung hängenbleibend wie ausgeknipst. Bis er den Mann im Rollstuhl einbezieht, erst als dessen Träger und Beweger, dann ihn behutsam in ein eigenes Körpergefühl entlassend. Und es ist jenseits des Voyeurismus bewegend anzusehen, wie Walters Körper an Stärke gewinnt und frappierend, wie die beiden am Boden rollend und schlingernd den Raum erobern – und das Spektrum des Tanzes erweitern.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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