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Von denen, die draußen bleiben

Borchert im Sechseckbau Von denen, die draußen bleiben

Gott und Tod sind nur zwei der Protagonisten im bekannten Nachkriegs-Drama Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert. Die Gruppe Spiegelbilder bringt das 1947 uraufgeführte Stück am Dienstag im Sechseckbau zur Premiere.

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Der Andere (Ann-Kathrin Wittsch) und weiße Türen vor schwarzem Hintergrund in Borcherts „Draußen vor der Tür“.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Regie führen Julia Renz und Jessica Hofmann, regelmäßigen Sechseckbau-Besuchern als Schauspielerinnen in diversen Theaterprojekten gut bekannt. Die Zwillingsschwestern, die inzwischen beide am Fördegymnasium Flensburg u.a. Darstellendes Spiel unterrichten, hatten von Anfang an eine gemeinsame Idee von dem Stück. „Wir wollten die Hauptfigur Beckmann zwar als Individuum, aber auch stellvertretend für Tausende, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben, zeigen“, sagt Jessica Hofmann.

 Beckmann, ein deutscher Kriegsheimkehrer, steht nach seiner Rückkehr aus Sibirien vor verschlossenen Türen, wohin er sich auch wendet. Seine Frau hat einen anderen, sein Oberst will von Verantwortung nichts wissen, der Kabarettdirektor ihn nicht einstellen, im Haus seiner Eltern lebt längst jemand anderes. Selbst die Elbe, in die er sich stürzt, um zu sterben, spuckt ihn wieder aus. Es sei eine „Geschichte des Weitermachens“, erklärt Julia Renz: „Er schöpft Kraft aus dem Zwiegespräch mit sich selbst, um sich der Gesellschaft erneut zuzuwenden. Das finden wir das Interessante an dem Stück, die gesamte Geschichte steht im Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft. Beckmann hat Schuld auf sich geladen, genauso wie die Gesellschaft, die aber lieber die Augen davor verschließt.“

 Rund ein Drittel des Textes haben die beiden Theatermacherinnen gestrichen: „Es wiederholt sich vieles.“ Das Episodenhafte des Dramas wollen sie dagegen in ihrer Inszenierung bewusst herausarbeiten: „Wir möchten auf jeden Fall weg vom naturalistischen Inszenierungsstil, sondern setzen auf Abstraktion.“ Auch im schlicht gehaltenen Bühnenbild mit weißen Türen vor schwarzem Grund. Das Stück kennen beide seit der Schulzeit. „Wir finden es auch heute noch aktuell. Spätestens seit den Bundeswehreinsätzen in Afghanistan gibt es auch bei uns wieder traumatisierte Kriegsheimkehrer“, meint Jessica Hofmann, die aber noch weitergehen möchte: „Man kann die Bedeutung auf Außenseiter allgemein ausdehnen, die es schwer haben, in der Gesellschaft einen Platz zu finden, wenn sie dem geforderten Bild nicht entsprechen.“ Diese Lesart schwinge in jedem Fall mit. Julia Renz: „Ob die Zuschauer das auch so sehen, müssen sie selbst entscheiden. Wir möchten nicht moralisieren, sondern dass das Publikum sich selbst Fragen stellt.“

 Premiere am Dienstag, 7. Juni, 20 Uhr, Sechseckbau, Westring 385, 24118 Kiel, Infotelefon: 0431-8816137

 

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