12 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Neue Formen braucht die Werkstatt

Auf neuen Wegen: Theaterwerkstatt Pilkentafel in Flensburg Neue Formen braucht die Werkstatt

Über 30 Jahre lang waren Elisabeth Bohde und Torsten Schütte die Gesichter der Theaterwerkstatt Pilkentafel in Flensburg. Jetzt haben sich die beiden Theatermacher junge Verstärkung geholt.

Voriger Artikel
Zietzschmann wird Intendantin der Berliner Philharmoniker
Nächster Artikel
Der ferngesteuerte Krieg

Körperbetont, trotzig, nachdenklich: Lotta (li.) und Elisabeth Bode in „Fett“. Regisseur Peer Ripberger (kl. Foto) schrieb den Text, den die Schauspielerinnen mit eigenen Überlegungen ergänzten.

Quelle: Ina Steinhusen

Flensburg. Ein halbes Jahr lag das Theater brach. Zeit, sich neu zu sortieren, Organisation, Spielplan, Selbstpräsentation neu zu denken. Und auch, wenn im Hinterhaus in der Pilkentafel 2 alles aussieht wie gewohnt, ist die Theaterwerkstatt Pilkentafel, die Elisabeth Bohde vor 33 Jahren in Flensburg gründete, in eine neue Ära eingetreten. Die Theatergründerin und ihr Bühnen- und Lebenspartner Torsten Schütte sind weiter dabei – aber sie haben sich Verstärkung geholt: unter anderem den Regisseur Peer Ripberger, der als Schüler quasi in der Pilkentafel groß geworden ist und nun für eine neue ästhetische Linie steht, und die Schauspielerin Anaela Dörre, die dort ebenfalls schon gearbeitet hat.

 „Die Verknüpfung mit dem Privaten war lange Zeit ein gutes Modell“, sagt Elisabeth Bohde mit dem Blick zurück. „Aber die Zeit ist darüber hinweg gegangen.“ Auch das Gefühl, mit den technischen Entwicklungen nicht mehr mitzuhalten, trieb die Theatermacherin um: „Digitalisierung und neue Medien – das brauchte einfach ein paar Kompetenzen mehr.“

 Es war Zeit, sich neu zu erfinden. Eine Produktionsstätte, die verschiedenen Ansätzen und Gruppen Raum bietet, stellen sich Bohde und Ripberger nun in der Pilkentafel der Zukunft vor. „Das funktioniert über losere Netzwerkzusammenhänge“, so Bohde. Mehr Regelmäßigkeit im Spielplan und mehr unterschiedliche Regie-Handschriften soll es außerdem geben. Die Bandbreite zeigt sich schon im ersten Halbjahr: Peer Ripberger hat die Eröffnungsproduktion Fett. Mein BMI ist höher als dein IQ, Bitch! auf die Bühne gebracht. Ein Zwei-Personen-Stück mit Elisabeth Bohde und ihrer Tochter Lotta, die das Thema Dicksein verhandelt, indem es gängige Vorurteile mit der Innenperspektive von Betroffenen konfrontiert – ziemlich textlastig, mutig, persönlich, eindringlich und oft auch sehr witzig. Etwa wenn Elisabeth Bohde von ihren Ferien- und Esserlebnissen an der Nordsee erzählt. Demnächst zeigt Torsten Schütte die Bestandsaufnahme eines Schauspielerlebens (13. Oktober). Und Ende Oktober bringen Ripberger und Anaela Dörre die Essenz aus ihrem ganz persönlichen Robin-Hood-Experiment auf die Bühne (27. Oktober).

 Theater war nie etwas Fertiges für Elisabeth Bohde; vor Jahren hat sie es einmal als „eine Art Laborversuch“ beschrieben: „Wir nehmen ein Thema, legen es unters Mikroskop und setzen uns mit dem Publikum der Beobachtung aus.“ Das Experiment war stets Programm in dem Theater, das sich nicht umsonst Werkstatt nennt. Begriffe, mit denen auch Peer Ripberger einiges anfangen kann: „Auch wenn unser Werkstattbegriff etwas anders ist, werden wir garantiert keine Klassiker spielen, sondern weiterhin Stücke entwickeln und thematische Ansätze verfolgen.“

 Der Flensburger, der an der Uni Hildesheim Theaterregie studierte, in Berlin lebt und von Trier bis Flensburg arbeitet, schätzt den Erfahrungsschatz, auf den er bei Bohde und Schütte zurückgreifen kann. Und die Freiheit, selbstbestimmt zu arbeiten, radikalere Formen auszuprobieren. Den beiden Urgesteinen wiederum ist die Verjüngung wichtig: „Ein junges Team zieht auch jüngeres Publikum.“

 Zwar ist Ripberger für den Neuanfang erstmal ein halbes Jahr von Berlin zurück nach Flensburg gezogen – allein an die Pilkentafel aber möchte er sich mit seinen 29 Jahren nicht binden: „Ich finde es reizvoll, an vielen Orten und in immer neuen Zusammenhängen zu arbeiten.“ Ein Stück pro Jahr will er künftig in Flensburg realisieren. Am liebsten direkt aus der Stadt heraus wie das Robin-Hood-Projekt, für das er mit Anaela Dörre zwei Wochen das geldlose Leben probierte: „Theater muss für mich regional gebunden, in der Stadt verwurzelt sein.“ Und möglichst mit Aussage: „Theater ist nie unpolitisch. Das ist mir extrem wichtig.“ Auch das ist wohl ganz im Sinne der Pilkentafel-Macher.

 Natürlich kosten mehr Leute auch mehr, sagen Bohde und Ripberger. Und sie hoffen, dass die Stadt bereit ist, das neue Modell auf finanziell sichere Füße zu stellen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3