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Maximal menschlich: Pastorale und Harmoniemesse

SHMF Maximal menschlich: Pastorale und Harmoniemesse

Schon im vergangenen Jahr zählte das Gastspiel von Thomas Hengelbrocks Balthasar Neumann Ensemble und Chor zu den Highlights des SHMF-Sommers. Zu den faszinierendsten und diskussionswürdigsten darf man auch die Neuauflage mit Werken von Beethoven und Haydn im ausverkauften Kieler Schloss rechnen.

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Es geht eben noch besser

Im Frack signalisiert Thomas Hengelbrock gewohnten Festivalglanz, klanglich aber ereignet sich Exzeptionelles - bis hin zur Zugabe aus Haydns Oratorium "Die Schöpfung".

Quelle: Axel Nickolaus

Kiel. Schon nach vier Takten ist vollkommen klar, dass hier alles andere als ein gewöhnliches Konzert begonnen hat. Beethovens „heitere Empfindungen, welche bei der Ankunft auf dem Lande im Menschen erwachen“ stranden bereits an der ersten Fermate. Ein gedehnter Akkord, eine ewig lange Generalpause: Die Seele steht sozusagen mit offenem Mund staunend der ewigen Natur gegenüber, stockt, sammelt sich, um sich dann vor Begeisterung förmlich zu überschlagen.

 Thomas Hengelbrock, Chefdirigent des sportlich modernen Elbphilharmonie Orchesters, aber ganz tief drinnen doch noch der alte Biomüsli-Mugger aus der Alte-Musik-Szene, hat mit seinem tolldreisten Spezialistenensemble Balthasar Neumann im ausverkauften Kieler Schloss wieder mal Extremes im Sinn. Die Pastorale, die berühmte Sechste Symphonie F-Dur op. 68, soll laut Komponist „mehr Ausdruck der Empfindungen als Malerei“ sein. Hengelbrock zeichnet deshalb eine Art fiebrige Psychokurve, ent- und beschleunigt, ohne dass es dafür Hinweise in der Partitur gibt. Das Balthasar Neumann Ensemble geht diesen maximal unkonventionellen Schleudergang, von kleineren Koordinationspannen abgesehen, fesselnd wach mit. Die klangliche Oberfläche ist rau wie ein Stoppelfeld nach der Ernte, hat aber auch moosweiche Kissen und felsige Schründe zu bieten. Das Vogelkonzert am Ende des zweiten Satzes klingt mit lauter historischen Holzinstrumenten so echt wie selten. Das Gewitter knattert mit schmalrohrigem Blech und ventillosen Hörnern eindrucksvoll. Und der dankbare Hirtengesang atmet danach berührend menschlich auf. Eine nirgendwo geglättet schöne, aber immer diskussionswürdige Interpretation!

 Nach der Pause bietet Hengelbrock dann genau das, wonach der betagte Altmeister Joseph Haydn nachweislich (das verraten minuziöse Proben-Eintragungen in seiner Dirigierpartitur) in der Bergkirche von Eisenstadt bei der Uraufführung im Jahr 1802 selber so eifrig gestrebt hat: eine perfekte Aufführung seiner perfektesten sakralen Komposition. Die Harmoniemesse ist ein wahres Wunder an chorsinfonisch intelligenter Verarbeitung des Ordinariums, edel gefärbt durch die reiche „Harmonie“ der Holzbläserfraktion, zu Glanz gebracht mit Trompeten, Pauken und schmetternden Hörnern – das entscheidende Vorbild für die endgültig kühnen Messen Beethovens.

 Hengelbrock kann so enorm rasante Tempi wählen, weil seine stilistisch kundigen Instrumentalisten und die sowohl sprachklaren wie quecksilbrig wendigen Tutti- und Solo-Sänger jede Gangart mühelos umsetzen. Ein bisschen merkwürdig (und übertrieben) mag erscheinen, dass der kompakt 34-köpfige Chor auf einem eigenen Podest hoch über dem Orchester thront. Da hätte das gestufte Podium vor der Orgelempore wahrlich auch ausgereicht – und weniger Sichtbehinderung beim Publikum angerichtet. Aber was dann tatsächlich in oft perfekter Verschmelzung von Instrumental- und Vokalklang zu hören ist, kann man nicht hoch genug preisen. Und mit ein wenig Lokalpatriotismus darf man zufrieden registrieren, dass in dieser Elite historischer Aufführungspraxis auch wieder im echten Norden gereifte Talente mitwirken – wie etwa der Chor-Solist Mirko Ludwig oder Nuala McKenna am ersten Cellopult.

 In den glitzernden Glaubensrausch der Hochklassik eingehängt tauchen die leisen Zweifel des alten Haydn auf, die der gloriosen Messe Ausdruckstiefe verleihen: beim „Miserere nobis“, der Kreuzigung und Grablegung Christi im Glaubensbekenntnis, dem flüsternden Lauffeuer-Benedictus oder der vorletzten Bitte nach Frieden im Agnus Dei. Da beschwören Hengelbrocks famose Mitstreiter dann auch wieder den zerbrechlich zartfühlenden Animus der ersten vier Beethoven-Takte.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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