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Grandiose Beiläufigkeit

Thomas Judisch in der Antikensammlung Grandiose Beiläufigkeit

Thomas Judisch steht in der Antikensammlung der Kunsthalle und strahlt. „Ich kann's gar nicht glauben, dass ich hier ausstelle“, sagt der 35-Jährige. Und hat es so verdient.

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Thomas Judisch spielt mit Auslassungen und macht die Stützen berühmter Skulpturen zum autonomen Kunstwerk.

Quelle: mwe: Manuel Weber

Kiel. Denn die humorvollen künstlerischen Interventionen, mit denen der Muthesius-Absolvent auf Einladung des Schleswig-Holsteinischen Kunstvereins in der Sammlung zu Gast ist, reihen sich nicht nur perfekt in die Gesellschaft der gipsernen Götter- und Heldenfiguren, sie sorgen auch dafür, dass man die Protagonisten der klassischen Antike mit ganz anderen Augen betrachtet. "Heute war gestern – Zwischen Freizeitkultur und Hochkultur" nennt Judisch die Schau, die er gemeinsam mit Maren Welsch, Vorsitzende des Kunstvereins, eingerichtet hat.

 Insgesamt 14 Arbeiten, die sich in drei Werkgruppen gliedern und durch gezielte Auslassungen und Abwesenheiten den Blick (auch) für die Kunst ringsum schärfen, sind mit grandioser Beiläufigkeit in den Rundgang zwischen Statuen und Vitrinen integriert. Zunächst fallen seltsam leere Sockel ins Auge, platziert auf Europaletten, deren mobile Konnotation im krassen Gegensatz zu der vermeintlichen Ewigkeit steht, die von den Skulpturen beschworen wird. Gegossen in der Gipsformerei der Staatlichen Museen Berlin mit Unterstützung der Leinemann-Stiftung für Bildung und Kultur, rückt Judisch hier die Stützen in den Fokus, an denen etwa die Statue des Apollo von Belvedere oder die der Kapitolinischen Venus lehnen. Die rein pragmatischen Hilfsmittel, geschaffen, um das Gewicht der Skulptur aufzufangen, werden durch das Fehlen der Figur zum autonomen Kunstwerk. Und weil es keine offizielle Ansichtsseite gibt, lassen sich beim Umrunden unvermutete Details entdecken. Nun wäre es ein Leichtes gewesen, die Sockel neben die zugehörigen Figuren zu stellen, die im Hause als Abgüsse vorhanden sind. Doch das wäre Thomas Judisch, der mit seinem Skulpturenprojekt auf Tournee durch die Antikensammlungen der Republik ist und demnächst in Berlin Station machen wird, zu einfach gewesen. „Wenn die Sockel für sich stehen, beginnt eine neue Geschichte.“

 Ganz neue Kontexte, in denen unter anderem die Spaßkultur der Gegenwart grüßt, ergeben sich auch dank einer Werkgruppe mit Fotodrucken, auf denen Textilien wie Sportjacken oder Parka in Originalgröße abgelichtet sind. Liebespaar heißt so eine Arbeit, die einen Berg hastig ausgezogener Klamotten zeigt, auf dem Boden ausgelegt vor lasziv hingegossenen Aktfiguren. Und dann sind da noch die Kleinskulpturen – augenzwinkernde Kommentare zur Welt der antiken Sagen und Mythen, die Judisch, der seit dem Abschluss seines Zusatzstudiums in Dresden 2011 als Meisterschüler von Eberhardt Bosslet mittlerweile in Hamburg lebt, in Vitrinen versteckt hat. Die Keule des Herkules wird da zum angeknacksten gipsernen Baseballschläger, der Triumph der Daphne ist reduziert auf ein paar bronzene Lorbeerblätter. Freizeitassoziationen stoßen Die Drei Badenden an, Fotos von Handtüchern , die neben drei leicht bekleideten Grazien an der Wand hängen. Auch der Raum mit den Porträtbüsten bleibt nicht ungeschoren. Beäugt von Homer, Sokrates und Co, eine Armlänge vom doppelgesichtigen Gott Janus entfernt, liegt ein kunstvoll patiniertes bronzenes Baseballcap mit doppeltem Schirm – gedacht als zeitgemäße Kopfbedeckung für Janus.

Antikensammlung in der Kunsthalle. Düsternbrooker Weg 1. Eröffnung heute, Freitag, 19 Uhr. Bis 26. Juni. Di-So 10-18, Mi 10-20 Uhr

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