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Dominique Horwitz mit seinem Debütroman in Kiel Tieftauchen im Text

Im Kieler Kulturforum präsentierte Dominique Horwitz jetzt mit „Tod in Weimar“ seinen ersten Krimi.

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Der Autor Dominique Horwitz hat dem Schauspieler seinen eigenen Spielraum geschaffen.

Quelle: Foto: Marco Ehrhardt

Kiel. Kiel. Schauspieler, jaja, sagt Dominique Horwitz mit breitem Grinsen und fast ohne zu zögern, die haben doch alle einen an der Waffel. Die in der Pose erstarrte einstige Primaballerina, der hirnlose Bühnenbeau, die lebenslängliche Diva, der zackige Staatsschauspieler und „Buffo“, der an der Oper nie eine ernste Rolle ergattert hat. Eine anarchische Seniorentruppe, versammelt im legendären Künstlerseniorenwohnsitz „Villa Gründgens“ in Weimar. Und als verschworener Schiller-Zirkel bedeutender Teil des Personals in Horwitz‘ Romanerstling Tod in Weimar (Knaus Verlag). Bilderbuchtypen? Klischees? Ganz bestimmt, aber so zielsicher und saftig karikiert, dass sie dem Zuhörer und Leser bald vor Augen stehen. Kein Wunder, dass der Film zum Buch schon in Vorbereitung ist.

 Mit Schauspielerposen und –macken kennt sich Dominique Horwitz aus, schließlich ist er selber einer. „Ein absoluter“, wie er sagt und an diesem Abend, mit dem im proppevollen Kulturforum die 10. Ausgabe der NDR-Lesereihe „Der Norden liest“ zu Ende geht, genüsslich beweist. Dafür hat sich der Schauspieler und Autor, der auch Sänger ist und Rezitator und als solcher eben erst mit Moby Dick in Kiel zu Gast gewesen, sein eigenes Spielfeld geschaffen. Einen flotten Krimi zwischen Goethe und Gegenwart, der mit Kaminski, dem verkrachten Schauspieler, Kutscher und Autoren-Alter ego eine skurril aus der Zeit gefallene Hauptfigur hat, und einen Ort, der so provinziell abgelegen wie mythisch aufgeladen ist. Und seit 13 Jahren Horwitz‘ Zuhause.

 Herrenwitz trifft da auf deutsche Klassik, Schillers Räuber auf national verquere Gesinnung, altmodisch Gestelztes auf politisch Unkorrektes, handfeste Eifersüchtelei auf die wortwitzig ausgebreitete Konkurrenz der Dichterfürsten – in der sich der Autor vorbehaltlos zu Schiller bekennt. Und mittendrin laviert Kaminski (der übrigens auch den von Horwitz verkörperten Kutscher Bogdanski im Erfurt-Tatort inspirierte) zwischen drei Frauen. Ach ja, die Mordserie in der Villa Gründgens beschäftigt ihn auch noch.

 Das krächzt und knarzt, tremoliert, wettert, schmettert und tönt. Elvis’ Are You Lonesome Tonight geht auch, Texte von Stella bis Räuber sowieso. Einfach bloß vorlesen, ach was – Horwitz taucht tief in den Text. Und wenn er liest, ist alles Übergröße. Wird aus dem Roman ein über die Stränge schlagendes Drama, aus den Dialogen ein quirlendes Verwandlungskabinett. Und das Publikum ist so hingerissen von dem Star auf der Bühne wie umgekehrt.

 „Weimar“, sagt Horwitz nach der Lesung im launigen Gespräch mit Kulturjournal-Moderatorin Veronica Westlake, „ist wie Venedig. Zwei, drei Tage dort – und man kehrt verjüngt zurück.“ Weimar, das sei überhaupt der Ort, an dem alles zusammenkommt, „was Deutschland ausmacht“. Goethe und Schiller, aber auch das KZ Buchenwald. Höchste Zeit also, das Weltstädtchen zum Romanschauplatz zu machen. Und was ist nun mit der illustren Schauspielertruppe? So etwas wie eine Generalabrechnung? „Überhaupt nicht“, strahlt Horwitz hinter der Halbbrille hervor, herausforderndes Bubenlächeln zwischen den Ohren. „Um Schauspieler zu sein, bedarf es einer Portion Größenwahn und des Mutes. Und außerdem: Irre sind ja auch liebenswürdig.“

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