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„Hoffentlich ist Haydn mit mir zufrieden“

Ton Koopman in Kiel „Hoffentlich ist Haydn mit mir zufrieden“

Ton Koopman, 1944 in Zolle/Niederlande geboren, ist Dirigent, Organist und Cembalo-Virtuose. 1979 gründete er das Amsterdam Baroque Orchestra, 1992 den Baroque Choir und pflegt mit beiden Ensembles Werke die historische Aufführungspraxis: Am heutigen Mittwoch gastiert er beim SHMF im Kieler Schloss.

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Mittendrin in seinem Amsterdam Baroque Orchestra: Ton Koopman.

Quelle: *

Kiel. Interview: Michael Berger

Herr Koopman, Sie kommen als Spezialist für die authentische Aufführung von Alter Musik zum Schleswig-Holstein Musik Festival. In Kiel und einen Tag später in Lübeck führen Sie mit Ihrem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir ein Programm aus zwei klassischen geistlichen Werken auf: die „Missa in angustiis“ von Joseph Haydn und die „Krönungsmesse“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Werden Sie der Musik des Barock etwa untreu?

 Nein, das kann man nicht sagen. Die Kompositionen von Haydn und Mozart waren immer Teil meines Repertoires. Aber wir bleiben mit den beiden Messen zumindest im 18. Jahrhundert. Ich habe einmal gesagt, dass die Mozart-Messe einmal meine Todesmesse sein sollte. Aber davon bin ich abgewichen, ich dirigiere sie bei bester Gesundheit.

 

  Sie haben uns einmal anvertraut, Felix Mendelssohn-Bartholdys Werke seien die modernste Musik für Sie. Ist das noch aktuell?

 Ja, ungefähr. Ich gehe bis etwa 1850, da fühle ich mich noch zuhause. Das modernste Stück, das ich jemals geleitet habe, war das große Requiem von Robert Schumann, das wurde 1852 geschrieben. Die spätere Musikgeschichte kenne ich nicht mehr, Mahler, Bruckner, Brahms sollen andere machen.

 

  Die „Missa in angustiis“ – auf deutsch: Messe in Zeiten der Bedrängnis“ – schrieb Haydn als Kapellmeister bei der ungarischen Adelsfamilie Esterházy. Was weiß man über die damalige Bedrängnis?

 Es war die Zeit der Napoleonischen Kriege, eine gefährlich Ära. Ich glaube allerdings, dass die Messe für einen Geburtstag geschrieben wurde – für eine Esterházy-Prinzessin. Das Werk wurde in der Schlosskapelle in Eisenstadt aufgeführt, dort herrschten beengte Verhältnisse, deshalb hat Haydn die Messe für kleine Besetzung geschrieben. Die Stimmen, die er eigentlich den Holzbläsern zugedacht hatte, wurden in der ursprünglichen Fassung von der Orgel übernommen. In einer späteren Version wurden von einem anderen Tonsetzer noch Klarinetten hinzugefügt. Doch bei dieser Instrumentierung wird der Klang nur dick und entspricht nicht mehr der Tonsprache Haydns.

 

  Wie führen Sie dieses Werk aus dem Jahr 1798 auf?

 Klassik spiele ich nicht mit riesigem Chor und großem Orchester, sondern mit einer kleinen Besetzung. Bescheiden eben. Wir haben eine Flöte, zwei Oboen, ein Fagott und Hörner dabei. Ich habe versucht, die Messe zu re-instrumentieren. Hoffentlich ist Joseph Haydn mit mir zufrieden.

 

 Wir werden es nicht erfahren...

 Aber das Publikum wird sagen können – echt Haydn! Oder eben nicht.

 

  Die „Krönungsmesse“ stellte Mozart 1779 fertig. Auch über ihre Entstehung weiß man nichts Genaues.

 Man weiß noch immer nicht, für welche Krönung das Stück eigentlich geschrieben wurde. Wahrscheinlich für keinen Zeitgenossen des Komponisten, sondern für die Krönungsfeier der Jungfrau Maria. Es gibt keine Bratschen in dieser Messe, deshalb glaube ich nicht, dass es einen großen, feierlichen Anlass gab.

 

  Beide Messen sind sakrale Werke. Muss man als Dirigent fromm sein, um sie angemessen aufführen zu können?

 Man sollte auf jeden Fall kein Atheist sein. Wenn man überhaupt nicht glaubt, dann fehlt der Zugang, auch zu den schönen lateinischen Texten. Christ zu sein bedeutet ja nicht, dass man jeden Sonntag in die Kirche geht. Es bedeutet, dass man an die christlichen Botschaften glaubt. Haydn und Mozart waren fromme Menschen. Haydn war sogar noch etwas katholischer als Mozart. Die Glaubensgrundsätze sollten also zum Rüstzeug des Dirigenten gehören. Für Bach-Kantaten gilt das übrigens noch mehr, denn er hat eine klare christliche Botschaft in seiner Musik. Auch ein Atheist wird einen Moment lang Christ, wenn er Bachs geistliche Werke hört. Aber auch er war kein fünfter Evangelist, man muss es mit der Frömmigkeit also nicht übertreiben.

 

  Sie haben seit kurzem eine Ehrenprofessur an der Lübecker Musikhochschule. Heißt das, dass Sie auch unterrichten, oder begnügen Sie sich mit der Ehre?

 Natürlich unterrichte ich. Einmal im Jahr bin ich eine Woche an der Hochschule und manchmal auch zwischendurch. Im kommenden Jahr wird es zum Beispiel einen Barock-Kursus mit unterschiedlichen Instrumenten geben, den wir in Kooperation mit dem Musikkonservatorium in Den Haag ausrichten. Es wird somit ein spezielles Masterstudium geben. Und ich werde auch wieder mit dem Hochschulorchester arbeiten. Es gibt da wirklich hervorragende Studenten, mit denen man musizieren kann wie mit Profis.

  Konzert im Kieler Schloss, heute, Mittwoch, 20 Uhr. Kartentel. 0431/ 237070, www.shmf.de

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