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SHMF Mit Herz und Seele

Ton Koopman ist der bescheidene Star der historischen Aufführungspraxis. Im Kieler Schloss erntete er mit seinem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir großen Applaus.

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Der niederländische Dirigent Ton Koopman bescherte dem Kieler Festivalpublikum einen berührenden und intensiven Konzertabend.

Quelle: ehr

Kiel.. Ton Koopman ist der bescheidene Star der historischen Aufführungspraxis. Obwohl sein Amsterdam Baroque Orchestra & Choir zu den besten Ensembles der Szene zählt, ihre Aufnahmen Regale füllen und sich darunter die nach wie vor gültigste Gesamteinspielung der Bach-Kantaten findet, wirkt der Niederländer stets wie ein vor allem im Dienste der Sache stehender Künstler. Dazu passt, dass auch seinem Zugang zur Musik eine Natürlichkeit innewohnt, die in einer Zeit, in der man auch in Originalklang-Kreisen oft auf Sensationen setzt, beinahe unspektakulär erscheinen könnte.

 Seine Interpretation von Joseph Haydns Missa in angustiis d-Moll Hob. XXII:11 „Nelsonmesse“ ist hierfür am Mittwochabend im Kieler Schloss ein gutes Beispiel. Beim so gut wie ausgebuchten SHMF-Auftritt des Dirigenten und seiner beiden Klangkörper muss man seine Ohren als Hörer erst einmal neu einstellen. Das Klangbild wirkt linear und verdichtet, der Verlauf der Messe relativ gradlinig und selbstverständlich. Zoomt man sich aber in die Musik hinein, ist unter der Oberfläche enorm viel los, gibt es einen wunderbaren Detailreichtum zu entdecken. Ähnlich verhält es sich mit Orchester und Chor. Ton Koopman meidet die in der historisch informierten Aufführungspraxis heute so beliebten Tempo- und Dynamik-Effekte, die mitunter der Rockmusik entlehnt zu sein scheinen. Stattdessen musizieren sein Baroque Orchestra and Choir mit schöner Eleganz und Selbstverständlichkeit und wirken dabei wie ein großer Klangkörper. Eine solche Homogenität ist selten zu erleben.

 Ganz anders das Solistenensemble: Sein Star ist den ganzen Abend hindurch Yetzabel Arias Fernandez, die mit ihrem runden, mühelos geführten Sopran nur knapp an der Opernbühne vorbeisingt und dadurch wie durch die Hervorgehobenheit ihres Parts entsprechende Aufmerksamkeit für sich beansprucht. Auch Ton Koopmans Leib- und Magenbass Klaus Mertens setzt sein gereiftes Organ markant und nachdrücklich ein. Dass die Stimme des 67-Jährigen heute naturgemäß etwas statischer wirkt, passt durchaus zu ihrem seit jeher festen Kern. Zwischen diesen beiden Charakteren haben Altistin Bogna Bartosz und Tenor Tilman Lichdi es schwer, sich eigenständig zu positionieren. Insbesondere Bartosz’ dezent schillernder Alt wird von Fernandez’ Sopranfluten oftmals regelrecht zugedeckt, während Lichdis lyrischer Tenor immerhin eine definierte Nebenrolle für sich beanspruchen kann.

 Diese Konstellation bleibt auch in der zweiten Konzerthälfte des Abends bestehen, in dessen Fokus zunächst Wolfgang Amadeus Mozarts ätherisch zum Leben erwecktes Ave verum corpus KV 618 und dann seine Messe C-Dur KV 317 „Krönungsmesse“ im Fokus stehen. Mit deutlich gesteigerter Chor- und Orchesteremphase wie auch erheblich größerem Klangfarbenreichtum unterstreicht Ton Koopman hier auf das Ansteckendste die Festlichkeit der Komposition, die wie ein tönendes Stück reiner Freude durch den Saal flirrt und in den raschen Sätzen spürbar ins Swingen gerät. Und obwohl er seinen begeisterten Zuhörern nun eine Vielzahl starker Affekte präsentiert, scheint der Maestro sie dabei doch niemals überwältigen zu wollen. Stattdessen erfährt man, wie herzlich Musik klingt, wenn sie von Herzen kommt.

 Ein berührender Kieler Konzertabend mündet schließlich in großen Applaus, für den sich der Besuch aus den Niederlanden mit der Wiederholung des Ave verum corpus bedankt.

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