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Die Illusionen von Rom

Tosca in Kiel Die Illusionen von Rom

„Am Anfang war Luca vielleicht sogar ein wenig frustriert, weil er das Gefühl hatte, dass er gar nichts machen darf ...“: Mit dem Anflug eines Schmunzelns erinnert sich der ernste Gastregisseur Lukas Hemleb an seine „große Angst“, sich von allzuviel modischem Videofirlefanz seine erste Puccini-Inszenierung zerschießen zu lassen.

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Luca Scarzella, Lukas Hemleb und Daniel Carlberg

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. „Ich hatte Bill Violas Tristan vor Augen. Da gibt es sehr schnell eine Übersättigung, die einen auf die schiefe Bahn zieht. Luca hat mir dann eine Art Anti-Bill-Viola-Ästhetik versprochen, im wesentlichen nur ein Bild pro Akt. Allenfalls werden mal Wände videotechnisch verzerrt, wenn es besonders alptraumhaft wird für Tosca. Jetzt haben wir tatsächlich ein Gleichgewicht von Formstrenge und sehr dosierten, speziellen Videotricksereien.“

 Der virtuell aktive Bühnenbildner der Kieler Neuproduktion, Luca Scarzella, eine italienische Videokünstler-Größe, die an der Mailänder Scala, in Barcelona oder Japan genauso gefragt ist wie als Multimedia-Ausstellungsgestalter bei der Biennale musica in Venedig oder am Ircam von Paris, ist mit Produktionen in Osaka und Turin schon doppelt Tosca-erfahren. Und am 9. Februar folgt an seinem Stammhaus Turin gleich schon die nächste Premiere – ebenfalls mit Puccinis Erfolgsthriller. Für die ungewöhnliche räumliche Ausstattung in Kiel verwendet er aber kein altes Material, sondern probiert erstmals ein Bühnenbild aus, das nur aus Videoprojektionen besteht. An den Originalschauplätzen in Rom hat er dafür eigens neue Fotos und Filmstills gemacht. Ins Bild laufende Touristen wurden in der Postproduktion technisch herausgefiltert. „Oder ich bin halt früh aufgestanden“, so Luca Scarzella im Gespräch vor der Premiere am Sonnabend.

 Der Videokünstler bemüht sich um die Illusion, dass die Opernfiguren tatsächlich in der sehr großen und dunklen Kirche Sant’Andrea della Valle zu stehen scheinen. „Zu Beginn nur in einem Teil für das Zwiegespräch zwischen Mario Cavaradossi und Tosca, danach in Ausweitung für das Te Deum.“ Den Palazzo Farnese fand Scarzella in Rom „zu vollgestellt“ vor und wechselte deshalb in den nicht minder schönen Palazzo Medici. Bewegung wird von ihm im projizierten Raum zusätzlich durch die Drehbühne geschaffen; und manchmal erscheint etwas in den Fenstern des Foto-Bildes oder es weht ein Vorhang ...

 „Das hat hier eine besondere Materialität, ist sprechender als ein gebautes Bühnenbild es je sein könnte“, freut sich Regisseur Hemleb, der vor allem an der Comédie-Française in Paris internationale Aufmerksamkeit erregte, außerdem mit dem Dirigenten Thomas Hengelbrock verschüttetes Barockopernrepertoire ausgegraben hat und der gerade selber im Fokus eines im Kommunalen Kino Kiel gezeigten Filmes (Das verschwundene m) stand.

 Als einen „sehr zugespitzten Nervenzustand, eine vom ersten bis zum letzten Takt reichende Zerreißprobe“ empfindet er die Oper Tosca. Dem Innenleben der drei Hauptfiguren, das jung und frisch wirkende und deshalb besonders tieftragisch fallende Liebespaar und den maximal bösen Polizeichef Scarpia, komme man durch die haarkleine Beachtung aller musikalischen und textlichen Vorgänge nah. Hemleb: „Wenn es eine Konkurrenz der bösen Rollen gibt, übertrifft Scarpia alle, weil er nicht nur böse ist und böse handelt, einen Abgrund von Niedertracht auf der Bühnen darstellt, sondern das auch noch explizit sagt. In seinen Augen muss eine Frau besiegt, erniedrigt, benutzt und dann weggeworfen werden.“

 Was die komprimierte Stringenz des Werks angeht, ist Daniel Carlberg begeistert ganz bei Hemleb. Er arbeitet die Energieströme im vierten Protagonisten, dem Orchester, besonders drängend heraus, was den Schauspielregisseur besonders freut, der als nächstes einen Falstaff in einer hölzernen Ausweichspielstätte à la Shakespeare in Genf betreut.

 „Puccini schafft wirklich etwas Besonderes in dieser Oper“, so Hemleb, „sie ist so straff duchkomponiert, dass man nie, nicht einmal in arienähnlichen Momenten das Gefühl hat, dass die Zeit angehalten wird. Das läuft ab wie ein Film in Echtzeit.“

 Zweimal hat Kiels neuer Erster Kapellmeister Carlberg schon Tosca-Produktionen geleitet, jetzt studiert er erstmals selber eine ein. Zunächst musste er sich noch gegen gewisse Gewohnheiten bei den Philharmonikern durchsetzen (Tosca wurde 2007 und 2012 in Kiel gespielt ...) und mit der tatsächlich begrenzt sängerfreundlichen und orchesterschönenden Akustik im Opernhaus auseinandersetzen. „Da haben aber Kollegen sehr geholfen“. Ansonsten registriert der Dirigent lauter Extreme in der Partitur, angefangen schon beim brutalen „Allegro violenta“. Und er hebt die vielfache Präsenz des „Scarpia-Akkords“ hervor: Bis zum bitteren Ende bestimme der Baron die fatale Handlung hörbar mit, „obwohl er da selber schon tot ist!“

  www.theater-kiel.de

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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