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Gut geschmierte Evergreens

Philharmonie der Nationen Gut geschmierte Evergreens

Das hat Tradition: Justus Frantz und seine Philharmonie der Nationen gaben im Kieler Schloss ihr Neujahrskonzert. Und der Pianist und Dirigent sorgte neben der musikalischen Unterhaltung auch wieder für einige Lacher.

Kiel. Nachdem seine Philharmonie der Nationen ihr Neujahrskonzert mit der effektvoll umgesetzten Ouvertüre zu Wolfgang Amadeus Mozarts Zauberflöte eröffnet hat, nimmt der Blonde mit der roten Brille am Steinway Platz und beginnt – zu sinnieren. Denkt Justus Frantz über Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur KV 488 nach, das er gleich interpretieren wird? Nein, der Pianist und Dirigent bereitet nur eine dieser kleinen Sottisen vor, für die ihn sein Publikum auch liebt. Gestern habe er in einer „Art Garderobe“ der Lübecker Musik- und Kongresshalle gespielt, heute höre er, dass es mit dem Schloss auch nicht zum Besten stehe, spöttelt Frantz und erinnert sich an alte Zeiten, als er hier noch selbst Programme verkaufte oder gemeinsam mit Christoph Eschenbach erste Erfolge feierte.

 Nun, er habe den Schlossherrn, Klaus-Peter Marschall, heute noch nicht getroffen. „Aber wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm: Für einen Euro würde ich es kaufen!“ Da hat Entertainer Justus die Lacher natürlich auf seiner Seite und man muss ihm lassen, dass er am Sonntag eine stattliche Anzahl von Gästen in den von der Schließung bedrohten Konzertsaal gelockt hat.

 Und tatsächlich ist auf seine Neujahrskonzerte, die ihn noch bis Ende Januar durch ganz Deutschland führen, ja ebenso Verlass wie auf den Mozart-Exegeten Frantz: Ausgeruht und routiniert steigt sein Orchester in den ersten Satz des Klavierkonzerts ein, vital und seelenvoll präsentiert der Pianist seinen Part. Wie immer tut man beim Hören gut daran, mehr auf die Gesamtaussage als auf die Details zu achten. Die berühmte Melodie des Adagio gestaltet Frantz als ein pointiertes Frage- und Antwortspiel durch und vermengt dabei homogen buchstäbliche und weichgezeichnetere Passagen. Das Finale hat Brio und Farbe, und schon ist die erste Programmhälfte vorüber.

 Die zweite beginnt mit einer doppelten Präsentation des Schleswig-Holstein Lieds in zweifacher Geschwindigkeit. Hier und da sieht man die Zuhörer leise mitsingen. Und tatsächlich ist man ja auch bereits im lockeren Teil des Abends angelangt, in dem auch die zuvor etwas versteinert wirkenden Orchestermusiker zusehends auftauen. Das Niveau der Philharmonie ist gewohnt tadellos, und klassische Hits wie die Fledermaus-Ouvertüre von Johann Strauss (Sohn) oder der Blumenwalzer aus Peter Tschaikowskys Nussknacker laufen hier gut geschmiert vom Band.

 Die individuelle Note bekommen sie durch Frantz’ Moderationen und die kleinen Sketche mit seinen stets beim Vornamen genannten Musikern. Da bezeichnet er Andreis Tamburin hartnäckig als Banjo oder ignoriert sämtliche Partituren, die ihm sein programmverantwortlicher Bratscher Ivo aufs Pult liegt. En passant darf man dabei vom Kaiserwalzer bis zum Persischen Marsch all die klassischen Evergreens goutieren, die zu einem Neujahrskonzert dazugehören. Dass nach nur einer Zugabe Schluss ist, hätte man in Anbetracht der gerade entfachten Champagnerlaune nicht erwartet. Aber immerhin hat man sich beim Radetzky-Marsch ja schon einmal die Hände für den Heimweg durch die frostige Nacht warmgeklatscht.

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