19 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
„Die Glasmenagerie“: Träume aus Kino und Glas

Schauspielhaus Kiel „Die Glasmenagerie“: Träume aus Kino und Glas

Es gibt glänzende Spiegelfolien, in der die Glastierchen von Laura glitzern. Vorhänge, die Durchblicke ermöglichen und sie gleich wieder vernebeln. Licht, das sich in den Falten fängt und bricht. Und von der Seite blinkt die Leuchtreklame des nahegelegenen Tanzlokals „Paradiso“ herein.

Voriger Artikel
Kontra K rappte mit Gang und Band
Nächster Artikel
Porträt von Hamburgs Ballett-Chef John Neumeier enthüllt

Das Bühnenbild, das Wilfried Minks mit Regisseurin Ulrike Maack im Kieler Schauspielhaus für Tennessee Williams‘ Glasmenagerie erdacht hat, erzählt von einer brüchigen Realität und einem Draußen, das vor dem Fenster schwimmt wie ein außerirdisches Raumschiff.

Quelle: Schauspielhaus

Kiel. Das Bühnenbild, das Wilfried Minks mit Regisseurin Ulrike Maack im Kieler Schauspielhaus für Tennessee Williams‘ Glasmenagerie erdacht hat, erzählt von einer brüchigen Realität und einem Draußen, das vor dem Fenster schwimmt wie ein außerirdisches Raumschiff.

Hier ist jeder auf sich selbst zurückgeworfen: Amanda Wingfield, ehemalige Südstaatenschönheit und alleinerziehende Mutter, und ihre längst erwachsenen Kinder. Die introvertierte Laura (Magdalena Neuhaus) mit dem Hinkebein hat erst die Highschool, dann den Schreibmaschinenkurs geschmissen und verliert sich in der schimmernden Nutzlosigkeit ihrer Glasmenagerie. Ihr Bruder Tom (Marius Borghoff) ernährt derweil als Lagerarbeiter die Familie – und träumt sich jeden Abend im Kino aus der Enge hinweg.

Amanda aber hält die Familienfantasie mit eiserner Hand zusammen. Und Yvonne Ruprecht zeigt diese Amanda als ein Muttertier, das vielleicht den Realitätssinn verloren, aber immer noch einen Plan hat. Irgendwo zwischen dickfelliger Inquisitorin und zackiger Motivationstrainerin. Also muss für die Tochter irgendwann ein Kavalier her. Jim (Rudi Hindenburg), Toms Arbeitskollege, bringt Bewegung in das Gefüge der familiären Kraftfelder. 

Ganz geradlinig geht das über die Bühne – klar konturiert, wie man das von Ulrike Maack schätzt, die in Kiel unter anderem für die Stücke des englischen Dramatikerstars Simon Stephens (zuletzt Blindlings) so eindrückliche Bilder gefunden hat. Normalerweise schafft diese Klarheit den Raum für Untertöne, in denen das Brüchige der Figuren spürbar wird, das Eindeutige ins Flirren gerät. Hier aber nimmt die Regisseurin keinerlei Umwege. Weder in eine Form von Gegenwart, die ja unmittelbar aufscheint, etwa wenn Tom darüber mosert, wie satt er es habe, im Kino stellvertretend für das eigene Leben Abenteuer zu erleben. Noch in die emotionale Zerreißprobe, die unter dieser festgezurrten Familienhülle heftig brodelt.

So sieht man ein Karussell der Verletzungen und Bedrängungen, komisch, traurig – aber ohne die katastrophale Kraft der Gefühle, mit der sich die lähmende Hermetik – in welche Richtung auch immer - aufsprengen ließe. Und was das Bühnenbild erzählt, bleibt am Ende Verheißung.

Schauspielhaus Kiel. 27. Oktober, 2., 12., 13., 18., 20., 25. November. Kartentel. 0431 / 901901, www.theater-kiel.de

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3