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Erste große Gefühle: Onegin

Komische Oper Berlin Erste große Gefühle: Onegin

Barrie Kosky, der Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, hat in seinem Haus Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ inszeniert und in Rebecca Ringst eine Bühnenbildnerin gefunden, die seinen Vorstellungen für diese „Lyrischen Szenen“ voll entsprach. Alles wirkt sehr natürlich.

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Kunstrasen-Idyll: Asmik Grigorian (Tatjana), Margarita Nekrasova (Filippewna), Karolina Gumos (Olga) und Chorsolisten der Komischen Oper Berlin.

Quelle: Iko Freese | drama-berlin.de

Berlin. Im Vordergrund sehen wir eine ungemähte Wiese, dahinter Bäume und Büsche in vollem Laub. Das alles sieht sehr echt aus, wirkt bei allem Realismus überaus poetisch. Kosky ist, wie er sagt, ganz verliebt in die erste Regieanweisung in der Partitur, dass nämlich zwei Frauen, die, während sie miteinander plaudern, Marmelade einkochen. Mit dieser alltäglichen, geradezu „banalen“ Tätigkeit beginnt ein packendes, ungemein ergreifendes Seelendrama, das von einer Coming-of-age-Story erzählt, von vier jungen Menschen, die in der Liebe noch unerfahren sind. Die „ungebändigte“ Wiese ist eine treffende Metapher für das Schicksal dieser vier Teenager, die zum ersten Mal mit großen Gefühlen konfrontiert sind – da ist es nur logisch, dass alle Szenen auf dieser Wiese spielen, nur eben nicht die vorletzte Szene im Palast des reichen, in die Jahre gekommenen Fürsten Gremin. Er und Tatjana leben in einer großbürgerlichen Welt, in einem Prachtbau mit weißen Säulen, wo alles geordnet zugeht. Obwohl Kosky punktgenau inszeniert hat, stellt sich der Eindruck großer Natürlichkeit ein. Ob das nun der ungezwungene Schwatz der beiden Alten beim Marmeladenkochen ist, Onegins dandyhafte Gesten der Überlegenheit Tatjana gegenüber oder die außerordentlich lebendig gestalteten Chorszenen – alles wirkt echt und wahrhaftig und völlig ungekünstelt.

 Tschaikowski hat den „Onegin“ in unmittelbarer Nähe zu seiner Vierten Sinfonie und der privaten Katastrophe seiner von der Gesellschaft erzwungenen Heirat – eigentlich liebte er den Geiger Iosif Kotik – komponiert. Er hat sich in der unglücklich liebenden Tatjana wiedergefunden, was, wie Kosky meint, die große Emotionalität seiner Partitur zu einem gewissen Grade erklärt.

 Die Titelfigur ist mit Günter Papendell brillant besetzt. Er bringt alles mit, was für diese Rolle notwendig ist. Er wirkt ungemein jung, hat einen gut fokussierten, wohlklingenden Bariton, dem er eine weit gefächerte Palette an Gefühlen abverlangen kann, vom kühl überlegenen Dandy zum streitbaren Salonlöwen; von einem Mann, der trotz seiner vielen langen Reisen Lebensekel empfindet zu einem Reumütigen, der beim Anblick der scheinbar glücklich verheirateten Tatjana verzweifelt. Wie er sich ihr dann zu Füßen wirft, sie umklammert und um Liebe fleht, das gehört zu den ganz großen Momenten dieser Inszenierung! Die Tatjana der Asmik Grigorian ist Günter Papendell eine ebenbürtige Partnerin, deren mit Herzblut gesungene Briefszene einer der intensivsten Höhepunkte der Oper ist. Bewundernswert, wie sie, die sich zunächst ganz introvertiert gibt und lieber einen Roman liest als an Gesprächen teilzunehmen, aus sich herauskommt und all den aufgestauten Emotionen freien Lauf lässt. Welche Gefühlstiefe, welch Leuchten in ihrem herrlichen Sopran! Karolina Gumos ist eine liebenswerte, spontane Olga, deren Lebenslust ansteckend wirkt. Verständlich, dass ihr Verlobter Lenski bei dem geringsten Anlass eifersüchtig bis zum Wahnsinn wird und sogar seinen Freund Onegin zum Duell herausfordert. Aleš Briscein gestaltet ihn mit seinem hellen, etwas metallisch klingenden Tenor äußert glaubwürdig als unerfahrenen, naiven Heißsporn, für den man aber durchaus Sympathie aufbringen kann. Der Fürst Gremin hat kaum mehr zu singen als die berühmte Arie „Ein jeder kennt die Lieb auf Erden“ – Alexey Antonov tut das mit schönem, geschmeidigen Bass und optimaler Wirkung. Erfreulich, dass er auf Pathos und aufgesetzte Effekte verzichtet.

 Henrik Nánási, dem Generalmusikdirektor der Komischen Oper, gelingt ein subtil abgestuftes Dirigat, das auf feinfühlige Weise den vielfältigen Schattierungen und Stimmungen in der Partitur gerecht wird. Er findet mit dem Orchester und dem bestens einstudierten Chor (David Cavelius) eine vorzügliche Balance zwischen Dramatik und Poesie. Stürmischer Applaus für alle! (Das Opernhaus Zürich wird diese Produktion übernehmen.)

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