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Auf der Spur der Moderne

Melissa Gordon in der Overbeck-Gesellschaft Lübeck Auf der Spur der Moderne

Nach dem wuchernden afrikanisch und kolonialkritisch eingefärbten Kunst-Theater des Schotten Andrew Gilbert meldet sich die Lübecker Overbeck-Gesellschaft jahreszeitgemäß licht und luftig zurück. Den Kontrapunkt setzt jetzt die junge US-amerikanische Künstlerin Melissa Gordon mit einer Ausstellung, die unter dem Titel Derivative Value Werte ins Blickfeld rückt, die sich die Künstlerin aus fremder Quelle zu eigen macht.

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Melissa Gordon mit einem Acrylbild aus der Serie „Material Evidence“: Abfotografierte zufällige Farbspuren auf einem Tablett übersetzt die Künstlerin in Malerei.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Lübeck. Während eines Stipendiums in Amsterdam sah die aus Boston stammende Künstlerin die um 1930 entstandenen Bilder von Piet Mondrian. Nicht nur ihr Alter, sondern auch Mondrians spezielle Maltechnik hatte die Bilder verändert:. Die Farben nicht mehr strahlend wie es uns Publikationen vorgaukeln, das Weiß gezeichnet von Rissen, die der kalkulierten Komposition und Mondrians Ziel der Entmaterialisierung ein Craquelé entgegensetzen.

 Diesen Zeitspuren spürt Melissa Gordon in Bildbänden und Katalogen unterschiedlicher Jahrgänge nach, die sie in Schwarz-Weiß abfotografiert und wiederum im Ausschnitt als Siebdruck auf Leinwand reproduziert. Blow Up Modernists nennt die 33-Jährige ihr Verfahren, das sie unter anderen Vorzeichen auch auf weitere Ikonen der Moderne wie Jackson Pollock, die fast vergessene Janet Sobel oder Mark Rothko oder Willem De Kooning anwendet.

 Nüchtern, aber nicht als Versuchsanordnung geht Melissa Gordon ihre Sache an. Das Ergebnis hat durch die Punktraster der gedruckten Vorlagen und die Materialität der Siebdrucke ihren eigenen Charakter. Kein Wunder, dass sich Melissa Gordon, die gern mit dem Fahrrad durch die Londoner Parks im Norden der Stadt zu ihrem Studio radelt, mit ihrer Serie auf Antonionis nach wie vor zeitlosen Filmklassiker Blow Up bezieht. Liege doch in dem fotografischen Beweis eine Ahnung des Verbrechens, die sich in der Vergrößerung, im Zoom, in der Unschärfe verliere.

 Immer wieder sind Fotografien die Derivate oder Ableitungen ihrer Arbeit. Auch die Acrylbilder unter dem Serientitel Material Evidence: Abfotografierte zufällige Farbspuren auf einer Unterlage oder einem Tablett auf dem Arbeitstisch übersetzt die Künstlerin in Malerei. Bei allem intellektuellen Interesse an dieser Art Transformationsprozessen läuft allerdings das malerische Ergebnis Gefahr, in einer gewissen Beliebigkeit zu verschwimmen. Aber auch für ein Gegenmittel, das als „Hintergrundfolie“ Spannung herstellt, hat Melissa Gordon gesorgt. Eine vom Overbeck-Team abgenommene Frottage der Ausstellungswand hat sie in London vervielfältigt und als Raumtapete fixiert. Jenseits dieser materiell fassbaren Spuren fordert Gordon zum Nachdenken auf über Kunst, ihre Reproduzierbarkeit und über den Reiz einer Malerei, die sich selbst zum Gegenstand macht. Wer verschüttete Farbe oder eine eingetrocknete Pinselspur an der Wand zum Gegenstand selbst macht, erteilt dem Mythos des Genialischen im Handstreich eine Absage. Eine mögliche Antwort auf die gute alte Frage nach dem Originären.

 Overbeck-Gesellschaft Lübeck, Königstraße 11, Behnhausgarten. Bis 26. Juni. Di-So 10-17 Uhr. Termine zu Kunstgesprächen und dem Seminar „Über das Originäre“ unter www.overbeck-gesellschaft.de

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