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Udo Lindenbergs geglückte Generalprobe

Timmendorfer Strand Udo Lindenbergs geglückte Generalprobe

„Der Greis ist heiß“ hieß einer der Songs bei Udo Lindenbergs erster Generalprobe im Maritim Strandhotel in Timmendorfer Strand zu seiner kommenden „Keine-Panik!“-Arena- und Stadien-Tour. Ein herrlich selbstironischer, schnoddriger Song, bei dem der Sänger von Komiker Otto Waalkes unterstützt wird.

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Die Generalprobe von Udo Lindenberg in Timmendorfer Strand ist mehr als geglückt.

Quelle: Manuel Weber

Timmendorfer Strand. "Der Greis ist heiß" heißt ein schnodderiger, selbstironischer Glam-Rock-Song von Udo Lindenberg. Den schlagenden Beweis für diese These hat der Sänger, der am 17. Mai seinen 70. Geburtstag feiert, am Freitag bei der überaus geglückten Generalprobe im rappelvollen Saal des Maritim Hotels in Timmendorfer Strand für die kommende "Keine-Panik!"-Tour angetreten. Den Song teilt sich Lindenberg im Duett mit einem anderen "Greis", dem Komiker Otto Waalkes (67). Ein eingespieltes Doppel. Kennen sich Udo und Otto doch schon seit gemeinsamen Hamburger WG-Zeiten Anfang der 70er Jahre in der "Villa

Kunterbunt", ein weiterer prominenter Mitbewohner damals: Marius Müller-Westernhagen. Ausgelassen hüpfen und kaspern die beiden älteren Herren da zur Musik auf der Bühne herum - Lindenberg zeigt seine typisch torkeligen Udo-Moves, Waalkes seine typisch hippeligen Otto-Moves, vorn die elf "Kids on Stage" aus Düsseldorf, als Greise kostümiert.

Das "historische Ereignis" (Lindenberg)im Maritim, weil erstmals live (abgesehen von der exklusiven Radio-Show vom Vortag) Songs vom neuen, am 29. April erscheinenden Album "Stärker als die Zeit" präsentiert werden, ist nicht weniger als ein Triumph. Eine knallbunte Revue mit mehr als drei Dutzend Songs inklusive etlicher Zugaben, eine Achterbahnfahrt der Gefühle von himmelhoher Ausgelassenheit bis zu tiefer Rührung. Allein Lindenbergs Kondition nötigt höchsten Respekt ab. Und er hat massive Unterstützung: das im Laufe der Jahrzehnte perfekt eingespielte Panik-Orchester (Lindenberg: "die geilste Band er Welt") mit den Gitarristen Hannes Bauer und Carola Kretschmer (um nur zwei von ihnen zu nennen), Drummer Bertram Engel, Bassist Steffi Stephan, die Keyboarder Jean-Jacques Kravetz und Hendrik Schaper, Perkussionist Nippy Noya, dazu fünf fabelhafte Background-Sänger, vier forsche "Pustefix-Bläser", agile Tänzerinnen.

 

Hier sehen Sie Bilder von Udo Lindenbergs Generalprobe in Timmendorfer Strand.

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Und musikalische Gäste: Johannes Oerding singt soulig mit bei "Cello" (wo Lindenberg den Text in "und heute wohnst du in Timmendorf" umdichtet). Josephin Busch, das "Mädchen aus Ost-Berlin" Jessy aus dem Musical "Hinterm Horizont", singt mit Udo "Gegen die Strömung", Otto Waalkes stößt noch einmal zum herrlich hingealberten, dennoch fetten AC/DC-Cover "Highway To Hell" dazu.
Es dauert fünf Songs, bis Lindenberg sich zum ersten Mal ans Publikum wendet. Zehn Tage hätten er und seine 200-köpfige Crew hier für die Show geprobt. Sie hätten für die Generalprobe ein Problem gehabt: "zu viele geile Songs". Daher müssten sich die Leute auf eine dreistündige Show einstellen. Die munter alt und  neu vermischt. Die Fans werden gepusht mit Klassikern wie "Honky Tonk Show", "Bodo Ballermann", "Straßenfieber" oder "Bunte Republik Deutschland" und zu Tränen gerührt durch Balladen wie "Hinterm Horizont", Das Leben" und "Wozu sind Kriege da?" (Lindenberg: "Wie oft haben wir diesen Song gesungen, wie oft müssen wir ihn noch singen?") mit dem "Kids-On-Stage"-Chor. Bei den brandneuen Songs sticht das eingängige, schon jetzt vom Publikum textsicher mitgesungene "Durch die schweren Zeiten" hervor, ein künftiger Lindenberg-Evergreen. Die übrigen

schwanken zwischen originell (wie der Dank an den eigenen, hartgesottenen Körper "Mein Body und ich"), bewegend (die ergreifende, kitschfreie Ballade "Wenn du gehst") und konventionell, etwa "Göttin sei Dank" oder das musikalisch phasenweise Sarah Connors "Wie schön du bist" gleichende "Plan B".

Publikumsnähe prägt die ganze Show. Oft nimmt Lindenberg die getönte Brille ab, um das Publikum besser sehen zu können, und die Video-Kamera holt sein blasses, aber faltenarmes Gesicht mit den kajal-umrandeten Augen mutig dicht ran für die Videoleinwand. Rührend sein fast kindlich offenes "Ich freu mich ganz schön doll, das ich hier immer noch stehe", nachdem er an die jüngst gestorbenen Kollegen Prince, David Bowie ("meinen alten Freund") und Lemmy Kilmister erinnert hat. Einem von mehreren Udo-Imitatoren im Publikum vorn an der Bühne hält das Original das Mikro hin und lässt ihn das Lied "Gerhard Gösebrecht" udo-mäßig nölen, zur Zugabe "Candy Jane" steigt Lindenberg mit einem  Motorrad-Helm auf dem Kopf, den große Iro-Stacheln schmücken, zum Entzücken der Fans da oben die Treppe zur Galerie hinauf, lässt sich auf die Schulter klopfen und winkt in den Jubel da unten hinein.
Überhaupt: diese Zugaben. Die allein wäre schon das Eintrittsgeld wert gewesen. Nochmal Zigarre paffend, kehrt Lindenberg für ein unfassbares Finale zurück, für das noch mal alle Register gezogen werden - "das ist der Panik-Zirkus!". Ein langes Medley mit "Bis aus Ende der Welt", "Johnny Controletti","Sonderzug nach Pankow", "Alles klar auf der Andrea Doria" und

"Reeperbahn". Dann sogar noch ein zweiter, frenetisch geforderter Nachschlag mit der Rockballade "El Dorado" vom neuen Album und dem wieder rührenden "Ich schwöre" samt Schwurzeichen und nicht dem ersten charakteristischen "De-debn-debn-dep"-Scat. Lindenberg lässt das Mikro mit einem Knall auf den Boden fallen, sich von zwei Tänzerinnen in einen Raumanzug hüllen und von der Bühne führen, während die Band saftig rockt. Hinten auf der Leinwand steht eine Rakete bereit, die hebt donnernd ab, der Tourstart ist vollbracht. "Jede Show kann die letzte sein", hatte Udo Lindenberg zuvor noch erinnert. Mögen noch viele derart galaktische folgen.

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