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Über alle Grenzen gelockt

Max Reger Über alle Grenzen gelockt

Von „Entgrenzung“ spricht die Leiterin des Max-Reger-Instituts in Karlsruhe, Prof. Susanne Popp, in ihrem Einführungsvortrag zur Rekonstruktion des historischen Konzerts, mit dem sich der spätromantische Komponist 1909 zum zweiten Mal in Kiel vorstellte.

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Mit berührender Wärme und behutsamer Intensität: Vera-Carina Stellmacher (links) und Anne-Beke Sonntag.

Quelle: Marco Ehrhardt

Kiel. Die Autorin der zum Gedenkjahr 2016 erschienenen, umfangreichen Reger Biografie Werk statt Leben (Breitkopf & Härtel, 39,90 Euro) trifft damit genau den Kern: So wie der Tonsetzer in seinem Schaffen immer wieder versucht hat, die Grenzen der Werke, auf die er sich im Traditionsfundus beim eigenen Komponieren bezog, zu weiten und kühn zu überwinden, so versuchte er offenbar auch, die skeptische Grenze einzureißen, mit der das oft irritierte Publikum auf seine komplexe Musiksprache reagierte. Den spürbar erfüllten Besuchern in der gut frequentierten Ansgarkirche wurde am Freitag durch die Bemühungen des Musikwissenschaftlichen Instituts und der Musikfreunde Kiel jedenfalls das erstaunlich weite Spektrum deutlich, mit der Reger die Norddeutschen vor 107 Jahren ins Reich seiner Klänge gelockt hatte.

 Da bezauberte zu Beginn die alternativ gewählte, weil liturgisch freiere Choralkantate Meinen Jesum lass ich nicht mit ihrem raffiniert und doch harmonisch bereicherten Neobarock, dem schwerelosem Solo-Sopran (Linda Stahl) und den durch Violine und Viola (wunderbar farbintensiv: Nora Piske-Förster und Marie Yamanaka) im Jugendstil gedrechselten Strophenbrücken. Ob der A-cappella-Chor von Heinrich Johannsen, dem Komponisten der Kieler Rathausturm-Glockenmelodie, im Jahr 1909 das Sakrale und die kecken Volkslieder wohl in Wriedt’s Etablissement auch so schön fließend und plastisch wortbetont gesungen hat wie hier das CAU-Vocalensemble unter Universitätsmusikdirektor Bernhard Emmer?

 Die Kieler Pianistin Vera-Carina Stellmacher stellte sich bravourös der Mammutaufgabe, den vielgerühmten Tastenlöwen Max Reger zu vertreten. Mit der unbeirrbar konzentriert gestaltenden jungen Geigerin Swaantje Kaiser erkundete sie die ins Unendliche „entgrenzte“ Rückschau der Suite im alten Stil und war einfühlsame Klavierpartnerin in den Regerschen Kunstliedern nach (im Programmheft unterschlagenen) Texten von Zeitgenossen wie Stefan Zweig. Letztere sang Anne-Beke Sontag mit berührender Wärme und behutsamer Intensität. Wer möchte von nun auf die traumverlorene tonale Entgrenzung in der Boelitz-Vertonung Das Dorf, das wunderschön schlichte Wiegenlied nach Ludwig Rafael (Des Kindes Gebet) oder Glückes genug auf einen Text des Kielers Detlev von Liliencron verzichten? Sie können mühelos neben Strauss, Mahler oder Alban Berg bestehen.

 Mit ihrem Vater Manfred Fock sorgte Stellmacher noch für den bohrend virtuosen finalen Höhepunkt: Doch gerade weil sie die oft extremen, in eine wahnwitzige Fuge mündenden Variationen op. 86 über ein Thema aus Beethovens späten Bagatellen nicht als bizarres Bravourstück, sondern als fließende Metamorphosen auffassten, passte auch das sperrigste Stück des Abends „entgrenzt“ zum Vorangegangenen.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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