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Endspiel in einem Rausch

Philipp Hochmaiers "Jedermann reloaded" bei Thespis Endspiel in einem Rausch

So einen trifft man nicht alle Tage. Mit der dicken Zigarre, der motzigen Pose zwischen Rockstar und Rambo. „Mein Haus steht stattlich da!“, dröhnt er in die Runde, und das könnte auch so weitergehen: meine Felder, mein Landsitz, mein Gold … Aber Philipp Hochmair spricht hier Jedermann, und da ist kaum ein Wort, das nicht aus dem Text von Hugo von Hofmannsthal stammt. Im Rahmen des Monodrama-Festivals Thespis berscherte der Thalia-Schauspieler dem Publikum einen klotzigen Theaterabend. 

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Trunken vor Gold: Philipp Hochmair als Jedermann in seinem klotzig auftrumpfenden Monolog.

Quelle: Foto: Erik Nielsen

Kiel. Dazu rauscht, dröhnt und wabert es über die Bühne wie in dunkelster Friedhofsnacht, befunkelt von einem Meer flackernder Grablichter. Es wird geklotzt in Jedermann reloaded beim Thespis Festival im ausverkauften und am Ende sturzbegeisterten Schauspielhaus. Drei Musiker sind neben dem Extremschauspieler am Werk, an Schlagzeug, Bass, Gitarre, Theremin. Sie füllen als „Elektrohand Gottes“ die Bühne mit noisig düsterem Elektro-Sound, klingen nach Doors, Nick Cave und Pere Ubu, tragen und treiben Spiel und Text – und decken die Worte auch manchmal zu.

 Hochmair schwirrt, tappt, bockspringt dazu an diversen Mikros durch sämtliche Rollen, ohne sie allzu scharf gegeneinander abzugrenzen. Armer Nachbar, Schuldknecht und guter Gesell – die abgewiesenen Bittsteller sind alle da, auch die alte Mutter und natürlich die Buhlschaft, von der hier nur ein Totenschädel übrig geblieben ist.

 Er schmeckt und zelebriert den verknappten, dabei ganz dem Originalton verpflichteten Text, loopt Sätze zu Beschwörungsformeln, kaut sie leer – und die Stimmen verfließen dabei zum inneren Monolog, in dem Jedermann sich selbst begegnet. Hochmair tanzt den Totentanz der Übersättigung, ein Zombie mit dunkel brennenden Augenhöhlen, gefangen in der Endlosschleife von Gefühlsleere und Glaubensfrage: „Ich glaube, dass ich gerettet werde, wenn ich fest daran glaube.“ Man sähe sie gern öfter, die Zwischentöne an diesem klotzig auftrumpfenden Glamrocker.

 Roher, trashiger, plakativer als in der Fassung, die Hochmair 2013 mit Regisseur Bastian Kraft für die Salzburger Festspiele entwickelt hat, sieht das heute aus. So differenziert wie damals kommt dieser Jedermann nicht daher – und nimmt uns dennoch mit in seinem wilden Rausch.

 Kontrastprogramm war das, so berichteten Festival-Gäste, nach einem wortreichen, theatral minimalistischen Nachmittag mit den russischen Schauspielern Elena Dudich und Vladimir Petrovich, die vor Hochmairs Überwältigungstheater in der ebenfalls gut gefüllten Pumpe Texte von Swetlana Alexijewitsch rezitierten. Und es sind solche Gegensätze, von denen das Festival lebt.

www.thespis.de

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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