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Nachrichten aus dem Turbokapitalismus

Lesung Ulrich Peltzer Nachrichten aus dem Turbokapitalismus

Finanzmärkte, globale Transaktionen, Risikogeschäfte – das ist die Welt, die Ulrich Peltzer in Das bessere Leben (S. Fischer, 448 S., € 22,90) porträtiert, einer vielschichtigen Bestandsaufnahme aus dem Turbokapitalismus.

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Ulrich Peltzer: „Möglicherweise erleben wir gerade den ‚Wiedereintritt in die Geschichte‘“.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Kiel. Die Handlung spielt im Jahr 2006 und vereint unterschiedliche Erzählerstimmen zu einem Zeitpanorama von seltener Dichte. Im vergangenen Jahr stand der figurenreiche Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

 Sylvester Lee Fleming ist einer der drei Hauptcharaktere und eine ziemlich zwielichtige Existenz. Der fünfzigjährige Mann hat mit undurchsichtigen Geschäften jener Art zu tun, bei denen Gewinn und Verlust bisweilen von winzigen Marktnuancen abhängen. Früher gehörte der skrupellose Risikomanager jedoch zur Gegenseite. In einem Hotelzimmer erinnert er sich an die Studentenproteste 1970 in Ohio, die sich gegen militärische Operationen der USA in Kambodscha richteten. Vier Jugendliche wurden damals von der Polizei erschossen. Vor Flemings Augen gehen das Interieur des Hotelzimmers und die damaligen Ereignisse ineinander über, verschmelzen zu einer doppelbödigen Einheit, in der Gewalt auf die eine oder andere Weise omnipräsent ist.

 „Alle Figuren tragen Geschichten aus dem 20. Jahrhundert mit sich“, erläutert Ulrich Peltzer (Jg. 1956). Sie würden um das titelgebende „bessere Leben“ kämpfen, dabei aber immer wieder mit den Bedrängnissen ihres Alltags konfrontiert werden. Begegnungen des Jochen Brockmann mit einer attraktiven Lehrerin sind kein Zufall. „Ich beschäftige mich oft mit Problemen der Narration“, führt Peltzer aus: „Wie lernen sich Figuren kennen? Wie schaffe ich es, dass sie sich innerhalb weniger Seiten ineinander verlieben?“ Die Kunst bestehe darin, ihre Wege plausibel zu verknüpfen. Hierbei sind Peltzer Erfahrungen aus dem Drehbuchschreiben von großem Nutzen.

 Hauptthema des Buchs ist jedoch der Umgang mit den Hinterlassenschaften des 20. Jahrhunderts. Die Muster von Ironie und Verspieltheit, die jahrzehntelang gegolten haben, passen „möglicherweise“ auf die Wirklichkeit nicht mehr: „Auf eine verschrobene Weise rückt das 20. Jahrhundert wieder an uns heran – in Form tragischer Motive, die in unseren Alltag hineindrücken. Tatsächlich ist das 20. Jahrhundert gar nicht vergangen, wir wollen das bloß nicht wahrhaben.“ Hat der Erzähler bisweilen auch Sympathien für die Figur des Fleming, der sich als turbokapitalistischer Schwerverbrecher bezeichnen lässt? „Durchaus“, meint Peltzer, und grinst hintergründig.

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