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Swing, Jazz und ein wenig Anarchie

Ulrich Tukur in Kiel Swing, Jazz und ein wenig Anarchie

Das Publikum im ausverkauften Schloss in Kiel lauschte gebannt, als der begnadete Schauspieler Ulrich Tukur während des Konzerts mit den Rhythmus Boys vom Porter-Klassiker Miss Otis Regrets erzählte und dem Titel des Abends „Let's Misbehave“ damit eine weitere Facette hinzufügte.

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Ulrich Tukur und seine Rhythmus Boys begeisterten in Kiel.

Quelle: Harald Hoffmann

Kiel. In dem Cole Porter-Klassiker Miss Otis Regrets geht es um eine Frau, die ihren untreuen Liebhaber erschießt, um dann postwendend vom aufgebrachten Mob der Stadt gelyncht wird. Das Publikum im ausverkauften Schloss jedenfalls lauschte gebannt, als der begnadete Schauspieler Ulrich Tukur während des Konzerts mit den Rhythmus Boys davon erzählte und dem Titel des Abends „Let's Misbehave“ damit eine weitere Facette hinzufügte.

Von der überraschend düsteren Story hinter dem swingenden Titel zu erfahren und sich von der hypnotische Kraft des Erzählers gefangen nehmen zu lassen, ist schon ein großes Vergnügen. Doch zur perfekten Unterhaltung wird das Ganze, wenn sich Tukur anschließend an die Tasten setzt und das Werk mit seiner Combo präsentiert. Musikalisch auf den Punkt, trotzdem leichtfüssig swingend, im Arrangement originell bis ironisch, aber nie respektlos. Die echte Liebe zu der großen Zeit des amerikanischen Jazz und Swing der 1920er und 1930er Jahre ist in jeder Note mit Händen zu greifen. Ulrich Tukur (Gesang, Klavier, Akkordeon), Ulrich Mayer (Gitarre), Günter Märtens (Kontrabass) Kalle Mews (Schlagzeug) sind eine höchst attraktive Mischung, sie liefern tolle Shows. Und das seit 20 Jahren.

„Ich finde Max Raabe besser“ raunt eine Zuschauerin in der Pause ihrer Begleitung zu. „Zum Glück“, möchte man entgegnen. Denn es benennt einen Kontrapunkt, mit dem beide Künstler wohl bestens leben können. Sie teilen zwar die Hingabe zum Gestern, der eine mit (Palast-)Orchester, der andere mit cooler Band.  Aber nicht weniger elegant als der großartige Max Raabe sind Tukur & Die Rhythmus Boys frech, schräg, zuweilen gar anarchisch und lassen der Gershwin-Schönheit Shall We Dance? mit Fliegen eine bizarre Elektropop-Nummer im Stile von Kraftwerk folgen. Nur um danach zu behaupten,  die Düsseldorfer Ikonen hätten ihnen die Songs geklaut und damit Weltkarriere gemacht. Würde Raabe Porter's Wild-West-Schmankerl Don't Fence Me In singen, dann sicher nicht mit zwei Kokosnüssen in der Hand, um damit über die Bühne zu galoppieren. Und dann ist da diese schauspielerische Fähigkeit, mit der Tukur seinen Ansagen, Anekdoten oder Gedichte vorträgt. Die ist so zwingend, dass man selbst die wenigen Versprecher oder Löcher nicht mehr als Panne sieht, sondern als Stilmittel einer behaupteten Jam Session, eines verrückten, irgendwie improvisierten Abends begreifen will. Genau weiß man es aber nicht, und das ist gut so.      

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