23 ° / 17 ° Regenschauer

Navigation:
Medea? Das geht uns alle an!

Komische Oper Berlin Medea? Das geht uns alle an!

Nein, eine „Fernsehreportage“ oder eine „Oper über Geflüchtete“ wollte er mit „Medea“ nicht schreiben, wohl aber eine Oper mit Bezügen zu unserer Zeit, sagt der in Berlin geborene Komponist Aribert Reimann. In der Komischen Oper ist sie sehenswert neu herausgekommen.

Voriger Artikel
Raus aus dem Museum
Nächster Artikel
Abgründiges LaBute-Doppel

Medea (Nicole Chevalier), Gora (Nadine Weissmann), Kreusa (Anna Bernacka) und Jason (Günter Papendell).

Quelle: Monika Rittershaus

Berlin. Reimann fährt fort: „Einen Stoff, der überhaupt nichts mit uns zu tun hat, könnte ich nicht vertonen.“ Seine 2010 in Wien uraufgeführte „Medea“ aber hat in der Tat sehr viel mit uns zu tun, mehr sogar noch als zu Zeiten ihrer Entstehung, denn das Thema des Schutz suchenden, entwurzelten Flüchtlings beschäftigt uns ja jetzt mehr denn je zuvor.

   Der australische Regisseur Benedict Andrews hat „Medea“ für die Komische Oper Berlin so auf die Bühne gebracht, dass eine genaue Definition eines Ortes oder einer Zeit nicht möglich ist, denn dieser 2500 Jahre alte, auf Euripides zurück gehende Stoff ist schließlich überall von immerwährender Aktualität. Das von Aribert Reimann selbst geschriebene Libretto basiert auf  der Dramentrilogie „Das Goldene Vließ“ des von ihm hochgeschätzten Franz Grillparzer. Dieser hat die furchtbare Einsamkeit der grenzenlos liebenden Medea in den Mittelpunkt seines Dramas gestellt. Was immer sie tut, sie wird von den Menschen, die sie um Hilfe und Obdach bittet, zurückgewiesen. Auch Jason, ihr Geliebter und Vater ihrer zwei Kinder, will sich von ihr trennen, da er nicht nur Aufnahme in der Fremde findet, sondern sogar Kreusa, die Tochter des Königs Kreon von Korinth, zur Frau bekommen soll. Medea hat also alles verloren, die Heimat, die schützende Familie, den geliebten Mann. Sie begeht dann das schrecklichste aller Verbrechen und tötet ihre Kinder. Reimann hat für sie eine Musik geschrieben, die uns selbst in dem Augenblick, wenn wir in die Abgründe dieser geschundenen Seele schauen, nicht nur Entsetzen sondern auch Mitleid empfinden lassen.

   Gleich zu Beginn der Oper sehen wir im Hintergrund des kahlen, hässlichen Bühnenraums die beiden Kinder der Medea auf einer Bank sitzen; es sind keine lebenden Kinder, sondern große Puppen, denn Benedict Andrews will „Kitsch und Sentimentalität“ vermeiden (Bühnenbild Johannes Schütz). Konturen eines Hauses, oder besser: die Abstraktion eines Hauses ist Blickfang im Zentrum der Bühne. Dieses starke Symbol für Medeas Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit wird von ihr zerstört, wenn sie jede Hoffnung aufgegeben hat, als Fremde akzeptiert zu werden. Der Bühnenboden ist von erdähnlichem Material bedeckt, eine niedrige Mauer verweist auf alte Zeiten. Ansonsten ist die Bühne leer. Woher man kommt und wohin man geht, das bleibt alles im Dunkeln.

   Eine Aufführung der „Medea“ steht und fällt mit der Darstellerin der Titelfigur, von der geradezu übermenschliche Qualitäten verlangt werden. Die großartige Nicole Chevalier verfügt darüber in hohem Maße. Sie geht ganz in ihrer Rolle auf, ist Medea in jeder Geste, in jedem ihrer ungeduldigen, hektischen Schritte, in jedem Ton. Sie steigert sich in die Gefühlswelt einer von allen verlassenen, von allen verabscheuten Frau hinein und findet dafür Töne, die mal schmerzhaft schön, mal schockierend und furchtbar, mal hektisch und aggressiv sind. Sie nimmt das Publikum mit auf eine Reise in traumatische Landschaften von ungeheurer Suggestivkraft.

   Dagegen strahlt die Kreusa der Anna Bernacka sanfte Weiblichkeit aus, nicht nur stimmlich, sondern auch durch ihr liebenswertes Äußeres. Günter Papendell trifft den opportunistischen Charakter des Jason ganz genau, während Ivan Turšić als Kreon in seiner Furcht vor Medea den xenophoben Typ verkörpert. Nadine Weissmann gibt der Dienerin Gora mit ihrem voluminösen Mezzosopran beachtliches Profil. Lob auch für Eric Jurenas, dessen Countertenor hervorragend zu der vielschillernden Figur des Boten passt.

   Steven Sloane hat das Orchester der Komischen Oper Berlin bestens im Griff und gestaltet die ungemein komplexe Partitur mit ihren scharfen Kontrasten, Clustern, fragilen Streicherpassagen und gewalttätigen Perkussions-Attacken wie einen Krimi, den man mit größter Spannung verfolgt. Enthusiastischer, lang anhaltender Beifall für alle. Für den anwesenden Komponisten aber steigerte das Premierenpublikum seinen Applaus zu Ovationen.

www.komische-oper-berlin.de / Kartentelefon: 030-47 99 74 00 / weitere Aufführungen am 25. Mai, 5., 20., 25. Juni, 2. und 15. Juli

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3