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Unheilig verabschieden sich

Sparkassen-Arena Kiel Unheilig verabschieden sich

„Ihr habt uns mit Applaus getragen, wir durften auf dem Gipfel stehen ... es ist Zeit zu gehen“, singt der Graf von Unheilig in der dritten Zugabe. Mit seiner „Gipfelstürmer“-Tour, die ihn am Freitag in die ausverkaufte Sparkassen-Arena führte, verabschiedet er sich von der Bühne – auf dem Gipfel seines steinigen Wegs dorthin.
 

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Unheilig in der Sparkassen-Arena Kiel.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Die Metaphern von mühselig bestiegenen Bergen, von Horizonten, die sich von dort aus weiten, sind ausgereizt. Alles scheint gesagt, was der Graf im damals noch Grufti-Habit seit seinem Debüt vor 15 Jahren sang, um nicht nur sich selbst, dem „Stotterer von Kindheit an“, sondern auch so vielen Fans, die mit ihm träumten, dass aus dem Abgrund Wege bis an den höchsten Gipfel führen können, Mut zu machen. In der Halle schaut man in Augen von Kindern im Rollstuhl (des Grafen Ehrengäste), die glänzen wie die von Frauen Ü40, die vom Tanz zu unheiligeren Synthie-Beats schwitzen oder vom sanften Wiegen zu den hymnischen Klavier-Balladen eine Träne im Knopfloch des „kleinen Schwarzen“ tragen.
 
Auf dem Gipfel geht’s nicht weiter hinauf – und wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören, verkündete der Graf kurz vor Erscheinen des „Gipfelstürmers“. Doch selten sind dabei Schwanengesänge zu hören. Vielmehr scheidet er aus dem vollen Lauf der Dampf-Lokomotive, die zwischen den Kaskaden von Kerzen fauchend thront, von der Bühne. Dass das mit einem „Bang, not a whimper“ geschieht, wird gleich im zweiten Song deutlich. Die Apotheose des Abschieds zählt der Graf im Countdown „Hinunter bis auf eins“, einer Nummer à la Rammstein, die mit einem zeitgelupten Adler im Video von Leinwand und Bühne flügelt. Die Eins zählt im folgenden „Wir sind alle eins“ auf das Einsame, das zur gemeinsamen Erfahrung wird, weil die Tausenden in der Sparkassen-Arena einstimmig mitsingen.
 
Welches sich in so manchen der älteren wie der neuen Songs fortsetzt. Die Ballade „Zwischen Licht und Schatten“, worin der Graf bewegend von seiner Dankbarkeit über die Zuwendung seiner Fans singt, ist eigentlich keine solche Mitmach-Nummer. Aber aus dem Publikum tönt nach dem Schlussakkord ein begeistertes „Jawoll!“ Wie der Graf wären wir gern alle ein „Held für einen Tag“, der „aufsteht und nicht wegsieht, wenn die Angst am größten ist“. Der Graf hat seine Ur-Ängste überwunden, im Video zum fulminant rockenden „Goldrausch“ auch seine Höhenangst.
 
Und mag man all dieser Alpenpanoramen und sich öffnenden Horizonte nach der ersten Stunde überdrüssig sein, weil sie nichts als Kitsch sind, so kann man sich ihrer Magie doch nicht entziehen. Das ist kein Kitsch, weil es der Graf aus tiefer Seele ernst meint, authentisch ist, sogar vor seinem mitsingenden Publikum niederkniet. So geht man ebenso beseelt von der Apotheose wie trauernd ob dieses Abschieds wieder in sein kleines, und doch so großes Leben und flüstert: Danke, mein Graf, für deine Lieder!

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Ein Artikel von
Jörg Meyer

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