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Abrutschende Lebensnachklänge

Staatsoper Hamburg Abrutschende Lebensnachklänge

Uraufführung: Der Schweizer Komponist Beat Furrer hat im Auftrag der Staatsoper Hamburg siebzehn Splitter in Form der Musiktheater-Szenen „La bianca notte“ aus dem einzigen Buch des italienischen Fin-de-Siècle-Dichters Dino Campana (1885-1932) herausgelöst.

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Die Sänger Tomas Tomasson als Dino und Golda Schultz als seine Muse Sibilia.

Quelle: Markus Scholz

Hamburg. Eine „sinnlich intellektuelle Meditation“: Der Schweizer Komponist Beat Furrer hat im Auftrag der Staatsoper Hamburg siebzehn Splitter aus dem einzigen Buch des italienischen Fin-de-Siècle-Dichters Dino Campana (1885-1932) herausgelöst. Dessen toskanische „Canti Orfici“ (Orphischen Gesänge) bilden in Dialogfetzen, Visionen und Lyrik-Abschnitten eine Art Fundus, um einer Künstler(auto)biografie nahe zu kommen, ohne ihr kontinuierlich folgen zu wollen.

Die Uraufführung von Furrers italienischsprachiger 100-Minuten-Oper „La bianca notte“ hätte sich dieser Tage bestens in das Konzept der 56. Biennale von Venedig eingepasst. In der Dammtorstraße ist mit ihr nämlich eine Art szenisch adaptierte Kunstperformance auf die Bühne gekommen, die pseudosynthetische Klangfelder in Video-Ästhetik ausstellt.

Vom enervierenden Sirren bis zum abgrundtiefen Grollen reicht Furrers nie lauthalse, fantastisch „künstlich“ instrumentierte Musiksprache dafür. Aufgerieben zwischen Futurismus und Kriegskatastrophe entgleiten die Klänge über dem 1914 gedruckten Text stets ins Bodenlose. Wilde Tonkaskaden, auf- und abschäumende Harfen-Akkorde, ruhelos rasende Skalen und quälend langsam verschobene Cluster-Glissandi prägen das ständig verrutschende Hörbild.

Die tiefe existenzielle Verunsicherung des Dichters Dino, dessen zwischen Monodie und Verismo changierenden Gesänge der isländische Bariton Tómas Tómasson rau und gebrochen singt, findet in Ramin Grays Videoinstallations-Inszenierung ihren passenden Ort. Das Bühnenbild von Jeremy Herbert rastert die Eindrücke in einem abstrakt surrealen Setzkasten, spielt mit geometrischen Körpern und schiefen Ebenen. Janina Brinkmanns Kostüme verstärken Assoziationen an die futuristische Moderne, greifen aber auch auf Magritte vor.

So wie der streng oratorisch geschichtete Chor (Einstudierung: Eberhard Friedrich) seine Kommentare und Manifestationen wispert, summt und raunt, tauchen in Dinos Rückblenden weitere ominöse Figuren wie das mephistophelische Alter ego Regolo (Derek Welton) oder die Muse Sibilla (mit warmer Sopranleuchtkraft: Golda Schultz) nur auf, um die Künstlerposition zu bestimmen.

Intendantin Simone Young verabschiedet sich bei ihrer letzten Premiere noch einmal mit all ihren dirigentischen Qualitäten. Furrers ins Rutschen geratene Klangwelt wird von den Philharmonikern unter ihrer Leitung enorm suggestiv, mit schmerzlich eindringlichen Spannungsbögen und Überblendungen ausgebreitet. Filigranes und samtweich Verdichtetes flutet den Raum, ohne je den Sängern die Luft und damit die Präsenz zu nehmen.

Das virtuose Sausen, das in der Tradition von Ligeti und Nono zu stehen scheint, zieht sich kurz vor dem Wahnsinnsende sogar noch zu einer erstaunlich harmonischen Wohlklangwolke zusammen. Wie eine mutig eklektizistische Hommage an Hamburgs einstigen Pultchef Gustav Mahler und dessen Weltabschiedsgesänge wirkt das wahrsagende „Lied von der Chimäre“, das die grandiose Mezzosopranistin Tanja Ariane Baumgartner als Indovina mit erdmütterlicher Macht orgeln lässt. Wenn Dino danach feststellt, er sei „elektrisch“, wundert das unter den spürbar verwirrt beeindruckten, viel Beifall und etliche Bravi spendenden Zuhörern keinen mehr. Auch der anwesende Komponist signalisierte Dankbarkeit.

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion