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Hauke, Jimi und die Revolution

Theater Deichart: Jens Raschkes "Schwarzer Schocker" in Kiel Hauke, Jimi und die Revolution

 Es ist ja nicht so, dass wir nicht gewarnt wären. „Kielerbeschimpfung“ steht da auf einem handgekritzelten Schild auf der Bühne, Studententheater im noch frischen Sechseckbau der Uni, Februar 1967. Und was uns der DeichArt-Chor da im Theater im Werftpark entgegendonnert, das hat sich gewaschen.

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Die „Kielerbeschimpfer“: (v. li.) Eirik Behrendt, Tom Keller und Matisek Brockhues.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. „Hitlerbejubler, Straßenbahnabschaffer, KZ-Vergesser, Dünnbiertrinker, Möwenverflucher, Seehundbegaffer", rufen sie. Und so könnte es weitergehen im Sinne von Peter Handkes 1966 uraufgeführter Publikumsbeschimpfung, irgendwo zwischen Dada, Mini-Aufstand und Groteske. Aber nach dem rasanten Intro wird es dann doch eher Lehrstück, was Jens Raschke mit Schwarzer Schocker auf die Bühne bringt.

 Der „schwarze Schocker“ Jimi Hendrix, der im Februar 1967 zwischen zwei Konzerten in Hamburg und Kopenhagen tatsächlich im Starpalast in Gaarden Halt machte, ist dabei nur das Ferment, mit dem Raschke die Geschichte um den Mettenhofer Schuljungen Hauke zum Brodeln bringt. Symbol für das Fremde, das Haukes Mutter in die haltlose Paranoia stürzt – und für die neu gewonnene Freiheit, die sich Kalles Hippie-Eltern nehmen. Daraus strickt der Autor-Regisseur, der auch schon Einsteins Kielbesuche und die Soldatenzeit des Dichters Joachim Ringelnatz in der Festung Friedrichsort erfolgreich auf die Bühne gebracht hat, einen Bilderbogen zwischen Deutschstunde und Ein Herz und eine Seele, der in der Begegnung zwischen Hauke und Jimi Hendrix gipfelt.

 Eirik Behrendts Hauke ist einer wie viele: ein bisschen aufmüpfig, ein bisschen linkisch, aber auch wissbegierig und immerhin einer, der mit großen Augen naive Fragen stellt. Der 15-Jährige hat mit seinen Nazi-Eltern zu kämpfen, trifft auf einen zynischen Kommunisten, die Blumenkind-Mama seines Freundes Kalle und schließlich auf einen bocklosen Jimi Hendrix, der die Vietnamesen auch nicht anders sieht als Haukes Mutter die Neger.

 Matisek Brockhues und Tom Keller wechseln durch alle Rollen: Brockhues als Hippie-Mutter so schön sockfüßig ätherisch wie als Nazi-Vater reichlich übersteuert. Keller als gluckenhafte Karikatur à la Elisabeth Wiedemann oder als pubertär enthemmter Kalle. Und dann gibt Brockhues noch einen rapbewegten Rockstar, der irgendwie auch an den Glam-Blueser Bootsy Collins erinnert.

 So durchlaufen Held und das teils ähnlich junge Premierenpublikum vor schön ausgewähltem Sechziger-Tapetendesign (Ausstattung: Eveline Havertz) die Stationen von Naivität, Wissenwollen, Verstörung und Desillusionierung. Was soll man auch tun, wenn einem keiner was erklärt, Antworten gibt? Da wird Haukes Satz „Vielleicht ist Gewalt doch die Lösung“ zum Knack- und Wendepunkt.

 Kann man Witze über Hitler und Nazis machen? Na klar. George Tabori hat es getan, Tarantino auch und kürzlich nicht ganz so grandios die Filmsatire Er ist wieder da. Also haut Raschke auf die Pauke, malt mit dickem Pinsel die Atmosphäre zwischen Dumpfheit und Aufbruch, unterlegt alles liebevoll mit zeitüblichem Schlager und schönstem Lokalkolorit und lässt die Geschichte gekonnt zwischen Vergangenheit und Gegenwart schillern.

 Das ergibt manch knackigen Kalauer, erstickt aber auch öfter in Klischee und heiligem Ernst. Hier soll man sehen, wie sich Geschichte wiederholt und wie die Erniedrigten und Beleidigten zu Extremisten werden. Das macht diese Anti-Bildungsgeschichte mehr zum Holzschnitt (siehe Haukes überspitzten Schlussmonolog 30 Jahre später) als zur Groteske. Kann man so machen. Das Plakat am Anfang hat uns schließlich gesagt, was Sache ist. Langer Applaus.

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