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Luther: Sehnsucht nach Klarheit

Uraufführung in Kiel Luther: Sehnsucht nach Klarheit

Nach "Die zehn Gebote" hat sich das Autorenduo Feridun Zaimoglu und Günter Senkel zum Reformationsjubiläum im Auftrag des Kieler Theaters und des Landeskirchenamtes mit Martin Luther auseinander gesetzt, aufgehängt an dem historisch belegten Hexenprozess 1540 in Wittenberg.

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Der Abend lebt von der rohen archaischen Kunstsprache Zaimoglus.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. In der Regie von Annette Pullen und zur großen Zustimmung des Publikums feierte das Historiendrama jetzt am Kieler Schauspiel Uraufführung.

Zwischen den himmelhoch ragenden Wänden, die Bühnenbildnerin Iris Kraft ins Kieler Schauspielhaus gebaut hat, sieht man Luther zwischen Innenschau und äußerer Anfechtung um Klarheit und Wahrheit ringen. Und die Regisseurin lässt den Abend zwischen Disput und Leben schwingen, stellt strenge Stilisierung gegen Volkstheater. Da sieht man den großen Reformator im Clinch mit dem eigenen Selbstzweifel, und Zacharias Preen, der ihn ganz zurückgenommen spielt, gibt der Verunsicherung ebenso Ausdruck wie dem Willen zur selbst ernannten Wahrheit: „Ich sehe Hexen, wo nur dunkle Schwaden Luft und Leere schwärzen … Gibt es in dieser Finsternis den richtigen Weg hinaus? Ich zweife, Käthe, ich zweifle an uns allen.“

Figuren werden zu Maskenträgern

Zaimoglu/Senkel konfrontieren Luther mit Weggefährten wie seiner Frau Katharina von Bora (unterkühlt: Jennifer Böhm), die hier als die wahre Hetzerin erscheint, und Lucas Cranach (lässig: Imanuel Humm), der als Bürgermeister von Wittenberg der Hexenverbrennung stattgab. Dass Maske und Kostüm (Barbara Aigner) die Ähnlichkeit zu den Originalen betonen, wirkt dazu so karikaturistisch wie emblematisch, macht die Figuren zu Maskenträgern, unter denen sich heute ganz andere verbergen könnten.

Der Abend lebt von der rohen archaischen Kunstsprache Zaimoglus. Und von den jugendlichen Sturmdrängern, die den Talarträgern im Stück entgegen stehen, als Frager und Vertreter aus der wirklichen Welt. Junge Liebe und Krimi inklusive. Vielleicht erscheint die Gegenüberstellung manchmal etwas schematisch, fast so, wie die Figuren es den Autoren vormachen. Vor allem aber sieht man, wie an die Stelle des Fragens das Eifern tritt und die Sehnsucht nach Wahrheit das einspurige Denken befeuert. Ähnlichkeiten mit dem Fundamentalismus der Gegenwart sind natürlich rein zufällig.

Schauspielhaus Kiel. 10., 18., 25., 27. Oktober. 1., 3., 14. November. Am 10. Oktober hält Landesbischof Gerhard Ulrich im Rahmen der Vorstellung eine Theaterpredigt. Kartentel. 0431/9019901, www.theater-kiel.de.

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