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Tödliche Charaktere am Seefischmarkt

Die Räuber in Kiel Tödliche Charaktere am Seefischmarkt

Das Sommertheater in Kiel ist ein Mammutprojekt. Am Freitag hat die Rockoper „Die Räuber“ auf der Open-Air-Bühne am Seefischmarkt Premiere. Mit Live-Musik, die die Kettcar-Musiker Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff eigens für die Produktion geschrieben haben. Der Abend ist ausverkauft.

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Mit Sturm und Drang: Heute Abend wird es ernst für die Räuber um Karl von Moor (Oliver E. Schönfeld, 2.v.re.); dann geht die Premiere der Rockoper nach dem Schiller-Drama am Seefischmarkt über die Bühne.

Quelle: Olaf Struck

Kiel. Die Annäherung brauchte ihre Weile. So ganz nah sei dieser Karl von Moor ihm nicht gleich gewesen, bekennt Oliver E. Schönfeld, der die Hauptrolle in Schillers Drama Die Räuber im Kieler Sommertheater am Seefischmarkt übernimmt.

Mit seiner Hybris, seiner Absolutheit, auch mit den über 80 Toten auf dem Gewissen. „Wie er das sagt: Ich bin mein Himmel und meine Hölle“, sinniert der Schauspieler. Auch der Altersabstand beschäftigt ihn; schließlich sind die Brüder dem damals 23-jährigen Schiller altersmäßig näher als den Kieler Darstellern um die Vierzig. Was für Marko Gebbert, der in der Rolle des Franz Moor auf der Bühne steht, keine Rolle spielt: „Über das Alter habe ich nie nachgedacht. Ich mag diese Konstellation und wie die Figuren gegeneinander gestellt werden, sich gleichzeitig ergänzen und abstoßen.“ Eigentlich, darauf kommen die beiden dann auch schnell, sind sie ohnehin wie Zwillinge, diese ungleichen Brüder, die sich in Schillers Dramenerstling zwar niemals direkt begegnen, das Stück praktisch aber in zwei Welten teilen. Karl, der Ältere, der charismatische Rebell und Vaters Augenstern, gegen Franz, den Ungeliebten, nicht ganz so gerade Gewachsenen, der zu Hause Intrigen spinnt und dem großen Bruder das Erbe und das Mädchen auszuspannen versucht. „Tödliche Charaktere“, fasst Schönfeld die Rivalen in ihrem zerstörerischen Geist zusammen. Und der einzige Grund dafür liegt womöglich darin, dass der eine mehr, der andere weniger Vaterliebe abbekommen hat.

 „Klar, Franz hat seine Ratio, ist extrem kontrolliert, Karl ist der Emotionale“, sagt Gebbert, der übrigens 2007 bei der Kieler Räuber-Inszenierung von Isabel Osthues schon einmal als Kontrahent Karls auf der Bühne stand – damals als Spiegelberg, der auch gern Räuberhauptmann wäre. „Aber die Brüder benutzen dieselben Worte. Sie haben die gleichen Gedanken, die gleiche übersteigerte Haltung, den gleichen absoluten Willen.“ Mit dem sie gegen Gott und Obrigkeit halten und sich selbst zum Maß der Dinge machen. Jeder in seinem Sinne und für seinen Zweck – oder, wie Gebbert sagt: „Schiller hat da sehr geschickt ein und denselben Charakterzug auf zwei Platten heißgemacht.“

 Sie mögen die Texte, das Eintauchen in Schillers eigenwilligen Sprachrhythmus. Bewusst abgestimmt haben die Hauptdarsteller ihr Spiel nicht, aber die Proben haben das Bewusstsein geschärft für das spezielle Brüderverhältnis. „Ich habe eine Ahnung bekommen, wie ich dich, also Franz, behandelt haben muss“, sagt Schönfeld. „Und ich nehme auch von dir etwas mit“, ergänzt Gebbert. „Weil Franz sich in Karl praktisch selbst erkennt.“

 Während Schönfeld die Herausforderung darin sieht, den Energielevel von Karl durchzuhalten, ist es Marko Gebbert wichtig, Franz nicht auf das Klischee des buckligen Bösen zu reduzieren: „So wird er zwar allgemein gesehen; aber ich denke, man muss bei dem Menschen bleiben.“ Geholfen haben beiden die Songs von Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff. „Große Gefühlsverdichter“, sagt Gebbert, und Schönfeld meint: „Mit Musik kann man sich nie verstecken. Und wenn Karl diese Powerlieder singt, dann gibt mir das schon einen zusätzlichen Schub.“

 Und dann sind da noch das ungewohnte Opern-Air-Gefühl und der Stöpsel im Ohr. „Gewöhnungsbedürftig“, sagt Oliver E. Schönfeld, der hier erstmals mit dem sogenannten „In-Ear-Set“ arbeitet: „Da ist man losgelöst wie im Musikstudio; dagegen muss man erst wieder ein Raumgefühl aufbauen.“ „Dafür hat man die Vögel im Ohr“, sagt Marko Gebbert. „Und draußen ist sowieso immer alles viel größer. Vor ein paar Tagen hatten wir hier einen Sonnenuntergang – so kann man gar nicht leuchten.“

„Die Räuber“ im Steckbrief

Die Story: Ist so einfach wie ganz schön kompliziert. Zwei Brüder, Karl und Franz von Moor, streiten um Erbe und Liebe – ohne jemals direkt aufeinander zu treffen. Was als Familienzwist beginnt, wird bald zur Kriminalgeschichte, in der auch zwei Prinzipien gegeneinander stehen: der Rebell mit Moral gegen den eiskalten Verbrecher. Ein wildes Gemisch hat Schiller da angerührt, in dem nicht immer alle Fäden zueinander finden. „Man hätte drei Theaterstücke daraus machen können“, schrieb er in einer Selbstrezension. Dafür ist alles dabei, was das große Drama braucht: Anarchie, Action, große Gefühle, Räuberpistole.

Die Helden: Halbstarke mit übergroßen Egos, die die Ordnung auf den Kopf stellen. Seelenverwandte von Friedrich Schiller, der gerade mal 23 war, als er „Die Räuber“ schrieb. Karl, stürmisch-emotional, ein genialer Draufgänger und Papas Liebling, der keine Lust auf Obrigkeit und Ansagen hat, dafür Sehnsucht nach einer besseren Welt. Franz, ein ewiger Außenseiter, Erbschleicher und skrupelloser Fiesling, vom Vater deutlich in die zweite Reihe gestellt. Die Familienbande ist ihm so wenig heilig wie die Ordnung der Welt.

Was passiert: Die Geschichte, die Schiller als Ritterdrama im ausgehenden Mittelalter verortet, läuft in zwei Welten ab. Zu Hause auf dem Schloss zettelt Franz per fingiertem Brief seine Intrige an, um Karl auszubooten. Das bringt den alten Grafen Moor erst um den Verstand, dann in den Turm. Und es treibt Karl, der in Leipzig vielleicht weniger studiert hat als Party gemacht, in den Wald, wo er mit seiner Bande das Outlaw-Dasein zelebriert. Aber in der Gruppe gibt es nicht nur edle Räuber, sondern auch fiese Mordbuben. So wie Spiegelberg, der auch gern Räuberhauptmann sein will. Später fliegen auch Franz‘ Intrigen auf, und Karl greift an, um Vater und Verlobte zu retten…

Die Wirkung: Fans und Follower sind keine Erfindung der Neuzeit. Nach der Uraufführung 1782 am Nationaltheater Mannheim kursierten Flugblätter mit Schillers Konterfei, und ein Zuschauer berichtete: „Das Theater glich einem Irrenhause, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus deßen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht.“ Und Schiller wurde von seinem Landesherrn in Stuttgart für das wüste freiheitsliebende Stück erstmal 14 Tage festgesetzt.

Sturm und Drang. Das war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Zeit der jungen Wilden in der Literatur. Da ging es (s.o.) um Gefühle statt Ratio, um das Aufbegehren gegen die vernunftbetonte Aufklärung. Und die Helden auf der Bühne haben oft nicht nur eine große Lust am Unglücklichsein, sondern auch daran, die richtigen Gefühle an die Falschen zu verschwenden.

Funktioniert das heute noch? Unbedingt. Eine echte Filmgeschichte haben „Die Räuber“ zwar nicht; mit Ausnahme einer Verfilmung mit Maximilian Schell in seiner letzten Rolle als Graf Moor. Da spielt Schillers Räuber-Geschichte nicht ganz überzeugend im Bankenmilieu. Aber das Anrennen gegen Kleinlichkeit und Enge, die Reflexionen zu Freiheit und Abhängigkeit und überhaupt die ganze „Denn-sie-wissen-nicht-was-sie-tun“-Haltung – das ist heute so modern wie zu Schillers Zeiten.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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