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Uraufführung von „Edward II.“

Deutsche Oper Berlin Uraufführung von „Edward II.“

„Aufgrund seiner sexuellen Orientierung und der Diskriminierung und Kriminalisierung seiner Person ist er bis heute eine identitätsstiftende Figur der Homosexuellenbewegung sowie Inspiration für Historiker und Künstler,“ erklärt der Tourguide im Berkeley Castle einer interessiert lauschenden Touristengruppe. So endet „Edward II.“, die neue Oper des schweizerischen Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini, die am 19. Februar von Christof Loy für die Deutsche Oper Berlin inszeniert wurde.

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Poesie und Musik im Einklang

Affären, Machtspiele, Intrigen – die Biografie des englischen Königs Edwards II. inspirierte seit Jahrhunderten die Künstler in Theater und Film. Nun hat der Schweizer Andrea L. Scartazzini eine neue Oper über den mittelalterlichen König komponiert.

Quelle: Monika Rittershaus

Berlin. Den fast schon versöhnlich klingenden Tönen des Schlusses aber geht eine Musik voraus, die in ihrer Schilderung des brutalen Geschehens um den schwulen englischen König, der 1327 auf qualvolle Weise von seiner Frau und deren Liebhaber Mortimer ermordet wurde, fast schon die Grenze des Erträglichen sprengt. Gleich zu Beginn der Oper hat Edward in einem Alptraum die Vision, dass Gaveston, sein Geliebter, von seinen Feinden zunächst auf üble Weise missbraucht wird, dann in einem blutüberströmten Hochzeitskleid in das Schlafzimmer des Königs gezerrt wird und dort zu einer grotesken Heirat mit Edward gezwungen wird, bevor er auf gemeinste Art abgeschlachtet wird.

 Danach gibt es häufige und unmerkliche Wechsel zwischen Traum und Wirklichkeit. Der König sinnt auf furchtbare Rache, wenn er von der Ermordung seines Geliebten hört: In blindem Hass entledigt er sich seiner vielen Gegner durch gnadenlose Hinrichtungen, und während dieser Exekutionen erfährt er Einzelheiten über Gavestons Tod von seinem kleinen Sohn (dem späteren Edward III.): „Zuerst wurde er entkleidet, dann von vier Pferden zwei Stunden lang bis zum nächsten Galgen gezogen. Dort aufgehängt. Auch das überlebt er. Danach das Abschneiden seiner Hoden. Verbrennung derselben vor seinen Augen. Schließlich Tod durch Enthauptung.“ Das wird von engelsgleicher Knabenstimme vorgetragen und steht so in scharfem Kontrast zum Geschehen. Eine starke Szene mit Gänsehaut-Garantie!

 Christof Loy und seine Bühnenbildnerin Annette Kurz haben sich für eine altarähnliche Konstruktion im Zentrum der Bühne entschieden, die der Phantasie der Zuschauer freien Lauf lässt. Die Kostüme (Klaus Bruns) sind meistens modern, gelegentlich aber tauchen auch welche aus dem 14. Jahrhundert auf. Schließlich ist ja die Aktualisierung des historischen Geschehens für Andrea L. Scartazzini ein wichtiges Anliegen.

 Der Bariton Michael Nagy ist ein Edward mit vielen Fassetten und betont so die Zerrissenheit des Charakters: Er ist der leidenschaftliche Liebhaber, der Frauenhasser, der blutrünstige Tyrann und auch Empathieträger, spätestens dann, wenn sein grausames Ende geschildert wird: „Er wurde ermordet, indem man eine glühende Eisenstange durch ein abgesägtes Kuhhorn in seinen After stieß.“ Hierzu hat Scartazzini eine Musik geschrieben, die, wie er selbst sagt, „Trost, Erbarmen und Wärme“ vermittelt. Ladislav Elgr kann als Gaveston nicht nur durch sein attraktives Aussehen, sondern auch durch seinen gut fokussierten, flexiblen Tenor und seine Schauspielkunst überzeugen. Die rachsüchtige, eiskalt über Leichen gehende Isabella findet in Agneta Eichenholz eine vortreffliche Darstellerin, und der als Transvestit auftretende Jarrett Ott als Engel hat eine erotische Ausstrahlung, die dem Stück eine besondere Würze gibt.

 Die tragische Handlung der anderthalbstündigen Oper aber wird immer wieder durch kleine humorvolle, manchmal auch absurde Szenen unterbrochen: Da sind die beiden Schimmel und Maden essenden Gefängniswärter in schwuler Lederkluft, die skurrilen Räte, Geistlichen und Soldaten (alle Rollen: Markus Brück und Gideon Poppe) – durch sie erfährt die Oper eine ironische Brechung, die Distanz zum dramatischen Geschehen schafft.

 Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin werden von Thomas Søndergård umsichtig und effektvoll durch die komplexe Partitur geführt. Es gibt auch Tonband-Zuspielungen, dezente elektronische Klänge und fünf zusätzliche Schlagzeuger. Andrea L. Scartazzini aber geht recht sparsam mit diesem gewaltigen Apparat um, und erzielt so umso effektvolle Höhepunkte. Das Uraufführungspublikum bedankte sich bei allen mit enthusiastischem Applaus.

 Weitere Aufführungen am 24. Februar, 1. 3., 4. 3. und 9. März.

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