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Das Erhabene im Banalen

Ursula Baldrich und Jörg Klinner in Heikendorf Das Erhabene im Banalen

Wie viel Potenzial in historischen Fotografieverfahren steckt, zeigt die Schau „LICHTchiffren – BeLICHTung“ im Künstlermuseum Heikendorf.

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Hauchzarte Blüten und Federn, fotografisch bearbeitet: Ursula Baldrich stellt in der Halle des Künstlermuseums aus.

Quelle: ehr - Marco Ehrhardt

Heikendorf. Ob Fotogramm, Ambrotypie oder Cyanotypie – die Fotoarbeiten, die hier ab Sonnabend präsentiert werden, sind ungewöhnlich und zeitlos schön. Anlass ist ein Jubiläum: Seit 25 Jahren arbeitet Ursula Baldrich für die Heinrich-Blunck-Stiftung. „Sie gestaltet unter anderem die Plakate, macht die Öffentlichkeitsarbeit und ist so etwas wie die gute Seele des Hauses“, so Museumsleiterin Sabine Behrens. Zu ihrer Ausstellung hat die ausgebildete Fotografin einen Gast eingeladen und so sind neben jüngsten Arbeiten aus ihrem Atelier auch Bilder ihres Heikendorfer Kollegen Jörg Klinner zu sehen.

 Wer dokumentarische Fotografie erwartet, wird sich die Augen reiben. In der Halle, die Baldrich vorbehalten ist, formieren sich überdimensionale Büroklammern in den Farben des Regenbogens zu geometrischen Mustern. Scharf oder verschwommen bilden sie rhythmische Strukturen, ähnlich wie die tanzenden Gummiringe oder die hauchzarten Blüten der Physalis, die sich in Ausschnitten seriell aneinander reihen. Eine herkömmliche Kamera war bei der Herstellung dieser experimentellen Fotos nicht im Spiel. Alle Bilder basieren auf Fotogrammen, bei denen Gegenstände auf lichtempfindliches Fotopapier gelegt und belichtet werden. Die so entstandenen Schwarz-Weiß-Bilder hat Baldrich digital bearbeitet, wodurch sich Farbgebung und Größenveränderung erklären. „Mein Anliegen ist es, alltägliche Dinge zu Kunstwerken zu erheben, das heißt, das Erhabene im Banalen zu suchen“ , so die Künstlerin, die seit 2000 mit Fotogrammen experimentiert. Als „bunten Ausrutscher“ bezeichnet sie schmunzelnd eine an Pop Art erinnernde Serie mit großen Punkten, zwischen denen sich bei näherem Hinsehen Zwiebelringe entdecken lassen. An abstrakte Malerei lassen Arbeiten denken, die auf dem Fotogramm einer Feder basieren, Objektcharakter hat ein Leporello in schwarzweiß, der durch eine korrekte Aufstellung gekeimter Weizensamen reizvoll gestaltet ist.

 Auch Jörg Klinner reizt das Experimentelle in der Fotografie. Mit einer alten Großbildkamera, die Ursula Baldrich ihm vor 30 Jahren überließ, sind ein Großteil seiner Bilder entstanden, die er unter dem Motto „Negativ ist Positiv“ im Anbau präsentiert. In alten, aufwändigen Techniken und mit langen Belichtungszeiten hergestellt, hängen florale Motive neben Porträts. „Ambrotypie“ heißt ein historisches Verfahren, bei dem ein unterbelichtetes Negativ auf einer Glasplatte entsteht, das erst vor geschwärztem Grund als Positiv zu erkennen ist – Arbeiten, die durch ein ungewöhnliches Zusammenspiel von fehlender Tiefenschärfe bei gleichzeitig erstaunlich detaillierter Wiedergabe feinster Strukturen bestechen. Woanders verlässt der ausgebildete Kunstlehrer sich auf sein geschultes Auge und digitale Makrofotografie: Die Aufnahmen von Spuren, die Generationen von Schülern auf alten Arbeitstischen hinterlassen haben, sehen aus wie abstrakte Radierungen. Interessant.

Teichtor 9. Eröffnung Sonnabend, 5. März, 17 Uhr. Bis 29. Mai. Di-Sa 14-17 Uhr. So 11-17 Uhr. Künstlergespräche am 17. 4. (Klinner) und 8.5. (Baldrich). Beginn 11.30 Uhr. 22. 5. Workshop „Cyanotypie“ 11.30 bis 15 Uhr.

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