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Was wir im Leben lernen

Ursula Priess im Literaturhaus Was wir im Leben lernen

Wie würde ihr Leben wohl aussehen, wenn damals alles anders gelaufen wäre? Wenn Lino, mit dem Ursina als Studentin eine kurze Affäre hatte, bei ihr geblieben wäre? Oder sie bei ihm? In ihrem Roman Hund & Hase gibt Ursula Priess ihren Protagonisten verschiedene Möglichkeiten, dieser Frage nachzugehen.

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Vom Reiz des Experimentellen: Ursula Priess am Literaturhaus im Alten Botanischen Garten.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Die Namen der beiden bleiben in allen vier „Liebesversuchen“ gleich, doch die Biografien des Paares von einst, das sich nach 30 Jahren zufällig wieder begegnet, sind jeweils andere.

„Das Experimentelle hat mich gereizt. Ich habe meinen Protagonisten gesagt: Hier seid ihr jetzt. Macht etwas daraus,“ so die Autorin, die viele Jahre in der Nähe von Kiel beheimatet war und jetzt in Berlin zuhause ist. In Zürich geboren und aufgewachsen, ist die Tochter von Max Frisch, die ihr nicht ganz unproblematisches Verhältnis zum Vater 2009 in ihrem Debütroman Sturz durch alle Spiegel aufarbeitete, im Schweizer Literatursommer auf Lesereise durch Schleswig-Holstein. In den vier Geschichten, die den Jahreszeiten folgend im Frühling, Sommer, Herbst und Winter spielen, sehen wir zwei Menschen gesetzten Alters, die einander neugierig beäugen, weil sie das Abenteuer einer neuerlichen Beziehung noch einmal miteinander versuchen wollen. Vielleicht.

 „In der Jugend macht man viele Fehler – ich habe viele Fehler gemacht“, sagt Priess. Auf die Frage, inwieweit das Buch autobiografische Züge trägt, räumt sie ein: „Ursina ist die kleine Ursula. In jeder dieser Figuren steckt ein Teil von mir.“ Die vier Liebesversuche habe sie durchdekliniert, um Entscheidungen, die sie vor Jahren getroffen habe, zu überdenken. „Mich interessiert die Frage, ob man die Dinge nicht einmal anders machen kann. Was lernen wir in unserem Leben? Wie frei können wir uns machen von dem kulturellen oder familiären Päckchen, das wir tragen?“ Angesprochen auf ihren Vater, dessen in seinen Romanen wiederholt gestellte Frage nach der eigenen Identität hier eventuell einen Widerhall findet, reagiert sie leicht allergisch. „Diese Frage scheint vielleicht in der Familie zu liegen. Aber jetzt müssen Sie schon bei mir weiter suchen.“ Erzählt werden alle Geschichten aus der weiblichen Perspektive, mal in der Ich-Form, mal personal. „Dazwischen bin ich als Autorin, die erstaunt fragt: Wie könnt ihr beiden Alten glauben, dass es noch einmal klappt?“

 Trotz aller Süße sei da „ein Tropfen Bitternis“, sagt Lino zu Ursina in der Herbstgeschichte, die Ursula Priess im Literaturhaus vorstellt. In unterschiedlicher Konsistenz trübt dieser Wermutstropfen auch die anderen Versuchsanordnungen, die ebenfalls auf ein Happy End verzichten. „Ich erzähle von meinem Liebesverständnis,“ so die Autorin. „Ob das traurig ist, mag jeder selbst entscheiden.“

 Ähnlich vertrackt wie die Beziehungsfrage in Hund & Hase ist eine Ausstellung von Barbara Piatti und Anne-Kathrin Weber, die die Lesungen im Literaturhaus während des Literatursommers umrahmt. „Literaturlandkarten der Schweiz“ zeigt Landkarten, in denen reale und fiktive Literaturräume einander begegnen. Thematisch geordnet hängen Karten über „Todesorte“, „Liebesszenen“ oder „Zukunftswelten“ nebeneinander, sorgfältig versehen mit Legenden, die sinnfällige Symbole für Suizide, Morde und Unfalltod genauso aufweisen wie unterschiedlich gefärbte Herzchen für erfüllte und unerfüllte Liebe. Als Referenzliteratur werden Texte von Dürrenmatt bis Hesse, von Thomas Mann bis Friedrich Schiller angegeben. Letzterem ist eine eigene Karte gewidmet. In einem schwindelerregenden Gewirr aus farbigen Linien zeichnet sie ein „Wegenetz aller Figuren in Schillers Wilhelm Tell“.

Weitere Lesungen: Fr. 29. 7., 19.30 Uhr Stadtbibliothek Flensburg; So. 14. 8., 15 Uhr Steinpark Warder.

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