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Premiere von "Nabucco" am Wochenende

Open-Air-Oper am Rathausplatz Premiere von "Nabucco" am Wochenende

Bewegende Chöre, große Stimmen, Hass und Liebe, von der Seite fetzige Attacken aus dem Orchester, männliche Selbstüberschätzung und weibliche Verschlagenheit: Auf dem Kieler Rathausplatz braut sich was zusammen.

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Das Verdi-Team: Der italienische Dirigent Francesco Cilluffo (li.) und der deutsche Regisseur Olaf Strieb stimmen sich ab.

Quelle: Björn Schaller

Kiel. Das Opernhaus versammelt sämtliche Kräfte zum Open-Air-Event. Am kommenden Sonnabend hat dort nach Tosca (2012) und dem Troubadour (2013) nun Giuseppe Verdis früher Opernhit Nabucco Sommertheater-Premiere. Ort und Zeit der Handlung ist 586 v.Chr. in Jerusalem und Babylon – in biblischer Zeit also. Gebetet wird im Opernhaus und bei den über 10000 Ticketbesitzern schon länger: Hält auch das Wetter den allseits hohen Erwartungen stand?

 Daran kann Olaf Strieb nun wirklich nicht auch noch drehen. Aber der Intendant der Landesbühne Niedersachsen Nord in Wilhelmshaven ist als Gastregisseur für alles verantwortlich, was auf der Riesenbühne szenisch Wirkung machen soll. Am Theater Kiel traut man ihm das zu, weil er viel Erfahrung mit XXL-Freilichttheater mitbringt und hier mit Geschick die Musical-Produktionen Crazy for you und Hello, Dolly! abschnurren ließ.

 Für Strieb müsste Verdis Erfolgsstück eigentlich Abigaille heißen. „Für mich ist sie – auch abgesehen mal von der besonderen gesanglichen Herausforderung – die interessanteste Figur auf der Bühne.“ Der Regisseur sieht bei ihr extreme Gegensätze ausgeprägt, vergleichbar dem Prinzip von Yin und Yang. „Ich finde sie sehr vielseitig, extrem charismatisch. Sie ist eben nicht nur die Böse, die Dämonin. Das wäre ja auch völlig uninteressant. Die Zerrissenheit des Charakters ist gerade das Spannende.“

 Man habe versucht zu ergründen, warum sie so geworden ist. Am Beginn des zweiten Aktes habe sie alleine eine große Arie, einen inneren Monolog, „in dem sie die Deckung runternimmt“, weil sie erfährt, dass sie nicht die leibliche Tochter Nabuccos ist. Und es stellt sich heraus, so Strieb: „Eigentlich möchte auch sie ja ’nur’ geliebt werden. Das aber wird ihr verwehrt. Das kompensiert sie und wird zu einer krankhaft machtbesessenen Person.“ Ihr Changieren zwischen Gut und Böse erkläre auch ihre Lust an der Verstellung. Mit Sarkasmus und Ironie missbrauche sie ihr Umfeld als Marionetten.

 Auch den italienischen Gastdirigenten Francesco Cilluffo, der die simpel notierte Partitur aus Erkenntnissen der Belcanto-Tradition heraus bereichern will, interessiert die Abigaille besonders: „Die Partie hat es so nie zuvor gegeben, allenfalls deutet sich davon etwas in der Semiramide von Rossini an. Verdi liebte den starken, letztlich larger-than-life gezeichneten, weiblichen Charakter.“

 Den Titelhelden Nabucco hält Strieb für eindimensionaler. „Er macht nur einmal eine Wandlung durch. Er ist der Weltenherrscher, der nichts, vor allem nicht sich selbst, einen Jota hinterfragt.“ Er provoziere, was ihm widerfährt, fordert seine Gegenspielerin geradezu heraus. „Erst in dem Moment, wo sie auf perfideste Art gegen ihn opponiert, ihm die Macht entreißt und ihm die Tötung seiner Tochter Fenena und aller Juden ankündigt, da setzt der Läuterungsprozess bei ihm ein.“ Der göttliche Blitzschlag, der ihn trifft, sei nur ein Symbol, so der Regisseur. „Ich zeige ihn trotzdem – wir müssen hier ja auf der großen Bühne auch plakativ arbeiten. Aber eigentlich spielt sich der Schlag in ihm selber ab, wenn er sich zum Gott erklärt. Er schnappt an seiner Hybris quasi über.“ Schon in der Gefangenschaft, in der Auseinandersetzung mit Abigaille nach seinem Machtverlust, hält ihn Strieb schon wieder für ziemlich wach. Am Ende, wenn Abigaille sich das Leben nimmt und der geläuterte Nabucco wieder als König eingesetzt wird, sieht Strieb die religiöse Ebene der Oper nur als Metapher für Gemeinschaft. „Dem Ensemble habe ich deutlich gemacht, dass Religionen für mich, gerade wenn sie ultraorthodox betrieben werden, komplett austauschbar werden – und alle gleich gefährlich sind. Zaccaria, Hohepriester der Hebräer, ist unglaublich verbohrt; er kennt keine Toleranz.“ Er habe deshalb ein szenisch gebrochenes Schlussarrangement gewählt, in dem jeder für sich hineininterpretieren kann, was er sieht. Verrraten wird vorab nichts: „Ich bin nicht der Maler, der sein Bild erklärt.“

 Ansonsten begeistern den Regisseur Verdis Qualitäten als Drehbuchschreiber, dessen fast filmschnittartige Schauplatzwechsel in Kiel opulent, aber zugleich puristisch in zwei Gegensatzfarben angedeutet werden sollen. „Es lohnt sich bei ihm immer genau hinzuhören, wenn man inszeniert. Es macht bei ihm nie Sinn, Personen nur herumstehen zu lassen, bis ihr nächster Gesangseinsatz kommt. Und es gibt Akzente, die schreien geradezu danach, szenisch bedient zu werden – im Freilichttheater umso größer und nachdrücklicher.“

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Ein Artikel von
Dr. Christian Strehk
Kulturredaktion

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