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Klangraum für Kultur

Konzertleben in Kiel und Lübeck ist gefährdet Klangraum für Kultur

Wenn Kultur strahlen soll, braucht es Qualität. Und Raum. Wenn Orchesterklang sich mit Niveau entfalten soll, braucht es Konzertsäle. Und da gibt es in Kiel wie Lübeck Anlass zur Sorge.

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Außer Betrieb: Der Konzertsaal der 21 Jahre alten Musik- und Kongresshalle Lübeck darf seit Ende September nicht mehr bespielt werden, weil die Akustikdecke viel schwerer ist, als sie sein darf. Ersatzweise wird verstärkt in der MuK-Rotunde Musik gemacht.

Quelle: Markus Scholz

Kiel. Zwar fasst das Musik Festival den Konzertsaal-Begriff mitunter etwas weiter, doch ist diese Erkenntnis mit Blick auf große Orchester und große Dirigenten unstrittig. Und während das bayrische Kabinett zum Jahresende einen neuen Konzertsaal erster Güte für München beschloss, müssen wir im Norden um unsere Säle bangen.

Der größte und beste ist seit nun drei Monaten mindestens bis zum Frühjahr 2017 geschlossen, weil die völlig überlastete Decke gesichert werden muss. Sechs Millionen Euro kostet das. Und weil man schon mal genauer hingeschaut hat, wurde auch gleich der Finanzrahmen für die insgesamt überfällige Sanierung der 21 Jahre alten Musik- und Kongresshalle Lübeck ermittelt: 22,3 Millionen Euro. Die Politik befindet sich noch in einer Art Schockstarre, die Verwaltung spricht von Pfusch am Bau (verjährt), räumt gar vernachlässigte Bauunterhaltung (nicht umkehrbar) ein. Die Geschäftsführung des städtischen Eigenbetriebes MuK macht aus der Not eine Tugend und sorgt für eine konzertante Belebung der Rotunde, des erweiterten Foyers. Für Lang Lang und seine Liga ist das keine Alternative.

 So ein großzügiges Foyer gibt es in Kiel nicht: Der Konzertsaal im Schloss, 50 Jahre alt und vor zwölf Jahren wider alle Vernunft aus öffentlicher in private Hand überführt, ist zwar nicht wegen akuter Gefährdung gesperrt, dennoch nicht minder sanierungsbedürftig. Spürbar. Er braucht überdies einen neuen Betreiber: Der alte, dem Eigentümer eng verbunden, will Mitte 2017 überraschend die Segel streichen. Weil der Betrieb zu teuer, das Defizit mittlerweile zu hoch ausfällt. Genau deswegen verscherbelte das Land das ganze Schloss 2003 für einen symbolischen Euro – ohne große Auflagen. Und deshalb ist jetzt doch wieder die öffentliche Hand gefordert.

 In der Landeshauptstadt, wo man weiß, dass an der Trave reflexartig laut gewordene Privatisierungsgedanken ein Irrweg wären, gibt es kein Provisorium, vielmehr eine zweistufige Baustelle: Zuerst muss das Betreiberproblem gelöst, dann die Eigentumsfrage geklärt und die Sanierung geplant werden. Noch weiß man nicht mal, wie teuer das wird. Ahnt nur, dass die gesamte Summe nicht so weit unter der Lübecker liegen könnte. Viele Fragen – hinter den Kulissen, so wird aus dem Rathaus versichert, laufen zahlreiche Gespräche. Und es gibt einen Brief, in dem Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer und Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe vereint in gemeinsamem Leid das Land um Hilfe ersuchen.

 Dass die Landeshauptstadt einen funktionsfähigen Konzertsaal braucht, das zumindest scheint unstrittig. Kein Raum – kein kulturelles Angebot. Keine Konzerte – weniger Einnahmen etwa fürs Theater, das ein Orchester vorhalten muss. Ein Teufelskreis. Die Petruskirche kommt durch die gemeindliche Nutzung nicht mal mehr als Übergangslösung in Betracht, alternative Räume für sinfonische Konzertkultur gibt es hier nicht. Neidvoll schaut GMD Georg Fritzsch auf Neubauten in Stettin oder in Malmö – von der Elbphilharmonie als künftigem Gegenpol auch für Lübeck und Kiel ganz zu schweigen. Im Sommer laufen „Mein Schiff“-Kreuzfahrer Kiel an, die sich neben animierter Frohkultur ein „Klanghaus“ leisten, um klassische Konzerterlebnisse auf hoher See zu ermöglichen. Steigende philharmonische Zuhörerzahlen in Kiel wie Lübeck, Besucherrekorde beim SHMF zeigen, dass es auf schleswig-holsteinischem Festland nicht um irgendeinen Luxus, sondern in erster Linie um kulturelle Basisversorgung geht. Nicht um abgehobene Raumerlebnisse, sondern um unverzichtbaren Frei-Raum für Kultur.

 Auch das krisengeschüttelte Landestheater hatte Anfang des Jahres in Schleswig keine räumliche Zukunft. Gar zu ambitionierte Neubaupläne erwiesen sich als nicht realisierbar. Zum Jahresende zeichnet sich ein ehemaliges Mannschaftsheim der Bundeswehr am Rande der Stadt als Perspektive ab: Es soll irgendwie für Theateraufführungen hergerichtet werden. Ein schmerzhafter Kompromiss, nachdem die Stadt bis 2011 über einen charmanten, vor allem vollwertigen Theaterbau für alle Sparten verfügte.

 Wie konnte es so weit kommen? Auch hier war die Bauunterhaltung sträflich vernachlässigt worden – bis hin zur Einsturzgefahr. Das Ergebnis sind kulturelle Einbußen. Das sollte sich unsere Gesellschaft mit Blick auf die Zukunft nicht erlauben. Auch Kultur braucht Infrastruktur. Improvisation kann nicht alles sein.

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Ein Artikel von
Konrad Bockemühl
Ressortleiter Kulturredaktion

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Lübeck
Foto: Will bei der Sanierung der Konzerthalle in Lübeck helfen: Ministerpräsident Torsten Albig (SPD).

Das Land will die Sanierung der Lübecker Musik- und Kongresshalle mit zwei Millionen Euro unterstützen. Das kündigte Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) am Mittwochabend beim Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer zu Lübeck an.

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