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45 Minuten Volldampf

Ballettabend 45 Minuten Volldampf

Die beiden entern die Bühne wie ungebetene Eindringlinge und setzen den Raum erstmal unter Strom. Edward James Gottschall und Shori Yamamoto tanzen wie zwei Kampfhähne, die sich ihr Territorium streitig machen.

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„Ghost Notes“: Tänzer Shori Yamamoto im halb improvisierten Kräftemessen mit dem Drummer Christian Belau.

Quelle: bos: Björn Schaller

Kiel. Ruppig dynamischer Streetstyle explodiert da zu fiependen und scratchenden Loops in wilden Sprüngen, im zackigen Fallen und Aufspringen und mutwilligen Bodycheck. Und ein bisschen Show-Wrestling steckt auch in diesem Männerduett von Yukichi Hattori, das so lustvoll dynamisch auf der Kippe von Spiel und Ernst tanzt.

 Fulminanter Auftakt für den kleinen feinen Tanzabend, den Victoria Lane Green mit vier Tänzerkollegen aus dem Ballett Kiel für die Hansastraße 48 erarbeitet hat. Anchored Soul nennt die Tänzerin den vom Kulturverein unterstützten Abend, der drei Arbeiten von Hattori, einst gefeierter Solist bei John Neumeier und seit 2005 Tänzer und Choreograf am Alberta Ballet in Calgary, mit zwei Kurzchoreografien von Victoria Lane Green ergänzt.

 Es geht ums Ausbrechen und Sich-befreien, um innere und äußere Kämpfe in den knappen, mit viel Energie und Dynamik aufgeladenen Szenen: Ein wirbelndes Solo, in dem Shori Yamamoto zwischen Sprüngen und Fallen seine ganze federnde Sprungkraft zeigen kann. Ein fortgesetztes Dehnen und Sehnen, wie es Taizia Muratore zelebriert. Mit langen Zeitlupen-Schritten ertastet sie den Raum, hält inne, reckt die Arme, dehnt das T-Shirt bis an die Reißgrenze aus. Bad Spaces nennt Victoria Lane Green diese schmerzliche Selbstbegegnung, in der die Bewegungen immer wieder bei sich selbst ankommen.

 Im kühl wie hitzig aufgeladenen Pas de Deux aus Hattoris Carmen reizen Shori Yamamoto und Saya Komine, die wie Taizia Muratore in dieser Saison vom Hamburg Ballett nach Kiel gewechselt hat, den Raum aus. Und der kommt an seine Grenzen mit diesem Ringen und Zwingen, der komprimierten Kraft und den tollkühnen Hebungen.

 Für Yamamoto ist der Abend ohnehin eine kleine Spielwiese, auf der der Tänzer mit waghalsigen Figuren und irrwitzigen Höhenflügen brillieren kann. Noch einmal in Ghost Notes, einem halb improvisierten Kräftemessen mit dem Drummer Christian Belau. Dumpf dröhnt die Pauke, die Trommel findet ihren eigenen Rhythmus, spielerisch wechseln Tempi und Rhythmen. Und der Tänzer nimmt die Dynamik auf, lässt sich eher treiben, als dass er Reibung sucht. Spielmacher ist hier Belau, Yamamoto seine Marionette. Ein Experiment mit Power, in dem noch Luft nach oben ist.

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Ein Artikel von
Ruth Bender
Kulturredaktion

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