16 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Vierkanttretlager-Sänger im Stilschwenk

Solo-CD von Max Leßmann Vierkanttretlager-Sänger im Stilschwenk

„Liebe in den Zeiten der Follower“ heißt das Solo-Debütalbum von Max Richard Leßmann. Darauf wagt sich der 25-jährige Sänger der Husumer Indierock-Band Vierkanttretlager in fremde Gefilde zwischen Big-Band und Chanson. Er schrieb die Texte, die Musik Sebastian Madsen, Sänger der Rockband Madsen.

Voriger Artikel
Orpheus auf Heimatsuche: Benjamin Appl

Unter Reihern: Max Richard Leßmann, Sänger der Husumer Band Vierkanttretlager.

Kiel/Berlin. Frage: „Liebe in den Zeiten der Follower“ erscheint am Freitag auf dem Label Caroline, vertrieben vom Major-Label Universal. Wo und wann ist Dir der Titel Deines Albums in den Sinn gekommen?

Max Richard Leßmann: Das war, als wir ungefähr die Hälfte unserer Songs fertig geschrieben hatten und ich versucht habe, einem Freund zu erklären, worum’s mir da geht, was so der rote Faden ist. Da bin ich so ein bisschen ins Straucheln gekommen und habe gesagt: Na ja, es geht eben um Liebe. Er: Wie, um Liebe? Ich: Ja, um Liebe, jetzt, also Liebe in Zeiten der Follower. Da hat er mich ganz entgeistert angeguckt: Hä, ist das von Dir? Hast Du Dir das gerade überlegt? So musst Du das Album nennen! Und es stimmt, es verortet die Platte im Jetzt und macht klar, dass es keine Retro-Platte ist.

Ist die Liebe denn heute komplizierter geworden?

Wahrscheinlich einfacher und komplizierter. Wenn ich an so etwas denke wie Fernbeziehungen, die gar nicht so lange zurückliegen, vielleicht 20 Jahre, die deutlich komplizierter waren, weil man auf den Briefverkehr angewiesen war und die Telefonrechnung ins Immense stieg. Das ist natürlich jetzt durchs Internet alles viel einfacher geworden. Aber es ergeben sich dann irgendwie ganz andere Fallstricke, darum geht es ja in dem Song „Lippenstift“. Durch diese neuen Möglichkeiten, direkt Bilder zu sehen von der letzten Nacht und was dann für Probleme auftauchen können.

Apropos Fernbeziehungen: Am Anfang der Geschichte des Albums soll ein Gedicht mit dem Titel „Ich wünschte“ gestanden haben, das Du vor fünf Jahren an den Schluss eines Liebesbriefs an Deine damalige Freundin gesetzt hast, die es ans andere Ende von Europa verschlagen hatte. Besagter Brief soll Dir dann wieder in die Hände gefallen sein während einer Studiosession mit Sebastian Madsen, dem dann dazu spontan eine passende Melodie eingefallen ist. Klingt ja fast zu schön, um wahr zu sein.

Das klingt abenteuerlich, oder? Es war aber genau so. Ich habe 2012 diesen Brief geschrieben, eher ein Liebesbrief in Form einer E-Mail, wenn wir ganz ehrlich sind, und da stand dieses Gedicht am Schluss, und als ich das geschrieben habe, da hatte ich sofort wieder dieses Gefühl, als ich damals die Comedian Harmonists gehört habe, diese Tonalität in der Sprache. Ein Lied, aber niemand, mit dem ich dieses Gefühl verfolgen konnte. Mit Sebastian sprühte so viel Kreativität von Anfang an, da habe ich mich getraut, das noch mal hervorzuholen und ihm zu zeigen. Und daraus ist dann in wenigen Minuten tatsächlich dieses Lied geworden.

Hast Du das Gedicht denn immer dabei, auf einer Festplatte oder so?

Auf meinem Mobiltelefon, wie andere Lied-Ideen.

Die weiteren Lieder hast Du auch mit den Madsen-Brüdern Sebastian und Johannes aufgenommen. Sie scheinen einen erheblichen Anteil am neuen Album zu haben.

Auf jeden Fall. Sebastian hat die ganze Musik geschrieben, ich die Texte. Mit Sebastian mache ich ganz viel Musik, immer wenn wir uns sehen, entspringt da immer was draus.

Ein Promotext verortet die neuen Lieder „zwischen Big Band und Beatles, zwischen Udo Jürgens, Charles Aznavour und Element of Crime“. Fühlst Du Dich da wohl platziert?

Ja, ich glaube, das trifft’s ganz gut. Sebastian hat immer gesagt: zwischen Element of Crime und Udo Jürgens. Aber es gibt noch andere Anleihen, so Beach Boys-mäßige Chöre, durch diese ganz große Sixties-Liebe von Sebastian. 

Das Video für das schmissige, aber auch ein wenig melancholische Zechlied „Einen im Tee“ wurde in einer Kieler Kneipe gedreht ...

Der „Palenke“. Der Regisseur Sven Sindt (wohnt in Kiel, Red.), der ja auch ein toller Fotograf ist, sagte, das sei seine Stammkneipe und da könnte man das gut machen. Und dann haben wir das da gemacht, mit Freunden und Bekannten, und hatten einen sehr feucht-fröhlichen Nachmittag. Wir wollten die Betrunkenen aber nicht spielen, wenn schon ein Trinklied, dann muss auch wirklich gezecht werden. Die Gläser, die man da auf meinem Tisch sieht, sind alle von mir. (lacht)

„Spuren auf dem Mond“ hat so einen melancholischen Sixties-Bigband-Swing mit Streichern und gestopfter Trompete. Der erinnert mich an „Close To You“ von Burt Bacharach und Hal David. Kennst Du den Song?

Ich kenne den Song, jetzt wo Du’s sagst ... das war aber nichts, was uns bewusst war, ist auf den Fall nicht an den Song angelehnt. Aber die Musik basiert ja auf Jazz-Standards, deshalb gibt’s da auf jeden Fall Parallelen.

Ich habe da noch einen: Die Gitarren-Hookline von „Lippenstift“ erinnert mich an „Nur ein Wort“ von Wir sind Helden, wahrscheinlich auch nicht intendiert ...

Nee, das war auch überhaupt nicht intendiert. Diese Gitarrenlinie ist erst am Schluss dazugekommen, der Song stand quasi schon, da hat Johannes Madsen noch diese Idee gehabt für die Gitarre, und als wir dann geprobt haben, hat mein Pianist Konrad das gespielt und angefangen „Nur ein Wort“ zu singen, und da meinte ich, okay, das ist auf jeden Fall ähnlich ...

„Ich wünschte“ nimmt ja thematisch auch Bezug auf den Albumtitel. Dafür, dass es ein sehr persönliches Liebeslied ist, hat es mit dieser aufgekratzten Melodie schon fast einen humorvollen, vielleicht sogar ironischen Ansatz, auch mit diesen ulkigen Background-Chören. Ist das so?

Für mich war der Bruch interessant, diesen nicht unmelancholischen Text auf diese doch schmissige Art und Weise zu interpretieren. Ist eine ganze andere Musikrichtung, aber das hat mir bei The Smiths auch immer so gut gefallen. 

Ist „Mann im Stream“ eine Referenz an Deine frühe Liebe zu den Comedian Harmonists?

Auf jeden Fall. Das ist glaube ich der Song, der am nächsten an dieser Grundidee dran war, diese Sprache und dieses Gefühl, was mich seit meinen Kindheitstagen begleitet hat, ins Jetzt zu transportieren. 1997, da habe ich in Kiel gewohnt, kam dieser Film in die Kinos, meine Eltern haben den Soundtrack mitgebracht, und dann lief das immer rauf und runter bei uns.

Hast Du das Gefühl, mit dem Album eher ein Nischenprodukt geschaffen zu haben oder etwas, was auch im Mainstream funktionieren könnte?

Ich glaube, dass es noch ein bisschen dauern wird, bis ich da durchdringe, weil es diese Art von Musik eben gerade nicht gibt und sich nicht an etwas anlehnt, was gerade erfolgreich ist. Aber es ist eine Musik, die sehr offen und von allen Seiten betretbar ist. Deswegen glaube ich, dass es kein Nischenprodukt ist. Was glaubt Du denn?

Element of Crime haben es auch geschafft, deren heutigen Erfolg hätte am Anfang wohl auch keiner vorhergesagt. Du bist ja auch Sänger von Vierkanttretlager. Das ist ja eher kantiger Indierock und Du da mehr ein Punk-Shouter. Siehst Du dennoch Parallelen zu Deinen Solo-Songs?

Die eine oder andere Verbindung gibt es schon, „Fotoalbum“ von Vierkanttretlager ist schon so ein Querverweis, auch die „Shanty Chor EP“. Ich bin gespannt, wie sich das gegenseitig befruchten kann bei der nächsten Vierkantretlager-Platte, da haben die Arbeiten jetzt gerade angefangen. Ob es vielleicht ein wenig melodiöser wird und nicht mehr so viel geschrien, weil mir im Moment mir nicht mehr so nach Schreien ist so wie mit 18, von der Schule zornig gemacht. 

Was haben denn Christian und Leif von Vierkanttretlager zu Deinem Alleingang gesagt? 

Denen gefällt das. Das ist für aber auch ganz klar gewesen, dass das etwas ist, was nicht im Vierkanttretlager-Kontext stattfinden kann. Leif war zuletzt mit auf Tour, um Schlagzeug zu spielen.

Du lebst aber nicht mehr in Husum?

Ich wohne mittlerweile in Berlin. Ich habe mal in Molfsee gewohnt. Ich war in dem Waldorf-Kindergarten in Kiel, und bin da auch die ersten zwei Jahre zur Waldorfschule gegangen.

Und dann seit ihr nach Husum gezogen?

Ja, aber davor waren wir so’n bisschen in England und in Bayern und so.

Sieht und hört man Dich mit den neuen Liedern auch live in Kiel?

Für dieses Jahr ist erst mal eine kleinere Rutsche geplant. Ich spiele auf jeden Fall in Hamburg und bestimmt auch noch in Husum, in Kiel absehbar nicht, aber ich denke, das werde ich auf jeden Fall auch noch, wohl im Frühjahr.

Interview: Thomas Bunjes

Voriger Artikel
Mehr aus Nachrichten: Kultur 2/3