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Arbeit am Pokerface

SHMF: Vladimir Jurowski in der Orchesterakademie Arbeit am Pokerface

Das dramatische Crescendo von Richard Strauss’ sinfonischer Dichtung Also sprach Zarathustra zählt zu den populärsten Tonfolgen der klassischen Musik. Eine Herausforderung für das Schleswig-Holstein Festival Orchester, die das Stück unter Leitung von Vladimir Jurowski einstudiert.

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Klarheit vor Überwältigungskraft: Vladimir Jurowski probt mit dem Festivalorchester in der ACO-Thormannhalle.

Quelle: Ehrhardt

Büdelsdorf. Stanley Kubrick polierte damit seinen Filmklassiker 2001 – Odyssee im Weltraum auf, Eumir Deodato machte es zum funkigen Chartserfolg und die Biermarke Warsteiner zur schnöden Werbemelodie. Für Vladimir Jurowski gibt es also gute Gründe, seinen Einstand bei der Orchesterakademie in Büdelsdorf mit einer kleinen Ansprache zu beginnen. Diese Musik sei wie eine Droge, lässt der russische Dirigent die Musiker wissen: „Sie ist zwar gut, aber man muss aufpassen. Werdet nicht high davon!“

 Denn wenn das geschehe, betont der 1972 in Moskau geborene Jurowski, gerate der Musiker in Versuchung, selbst Friedrich Nietzsches „Übermenschen“ verkörpern zu wollen, mit dem sich der Komponist in dem Werk auseinandersetzte: „Man kann diese Musik sehr leicht missbrauchen, wie es bei den Nazis geschehen ist. Deshalb lautet mein Rat: Bleibt cool und setzt beim Spielen euer Pokerface auf.“ Wie um die formulierte Gefahr weiter einzudämmen, geleitet Jurowski das Schleswig-Holstein Festival Orchester auffallend zügig durch die ersten Takte, vermeidet bei der eröffnenden Steigerung übermäßigen Glanz und setzt auch im weiteren Verlauf der Musik stärker auf Klarheit als auf Überwältigungskraft. Der amtierende Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra hat das Werk gerade mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin eingespielt, das er mit Beginn der Spielzeit 2017/18 leiten wird. Mit ihm wird er es Ende August auch beim Musikfest Bremen aufführen, so dass man seine Probenphase mit dem SHFO partiell auch als Präparation in eigener Sache betrachten kann.

 In den kraftvollsten Momenten der Komposition scheint Jurowski dabei bewusst konzentriert und knapp zu dirigieren, in ihren leisen und lyrischen dagegen werden seine Gesten größer und freier. Von Zeit zu Zeit hält er inne und spricht die Musiker mit fester, ruhiger Stimme an. Diese Stelle sei es wert, diskutiert zu werden, sagt er meist zu Beginn seiner Anmerkungen. Zwar geht es dabei natürlich um seine Vorstellungen, aber manchmal macht eben auch der Umgangston die Demokratie. Hinzu kommt hier ein Lächeln für die erste Geige und da ein ernster Blick in Richtung Bläser. Und dann teilt er das Orchester in Einzelgruppen auf, damit „die einen einmal ganz deutlich hören, was die anderen hier machen.“ Nicht zuletzt gehe es darum, den Zuschauer so sehr in den Bann zu ziehen, dass er bei dem vermeintlich wohlbekannten Stück nicht auf falsche Gedanken kommt: „An dieser Stelle müsst ihr regelrecht einfrieren“, mahnt der Maestro. „Da fängt das Publikum sonst immer zu applaudieren an und denkt, es kann nachhause gehen, weil der Spaß schon vorbei ist.“

 

  Drei Fragen an Vladimir Jurowski

  Herr, Jurowski, Sie dirigieren in diesem Jahr erstmals das SHFO. Dieser Klangkörper hat einst ihre eigenen Entscheidung beeinflusst, Dirigent zu werden.

 Ja, ich hatte 1988 das große Glück, seine vier Moskauer Konzerte mit Leonard Bernstein miterleben zu dürfen. Ich selbst war damals 16 Jahre alt, aber ich kann mich an jedes genau erinnern. Dieses Ereignis hat mein Leben verändert.

  Richard Strauss’ „ Also sprach Zarathustra“, werden Sie im August auch noch einmal mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin aufführen. Gibt Ihnen die Arbeit mit der Orchesterakademie auch hierfür neue Impulse?

 Für mich ist jedes Projekt mit einem neuen Orchester ein neues Projekt. Und ich bereite mich dabei auch bei Stücken, die ich schon gut kenne, insofern neu vor, indem ich mich von allem löse, was ich mit ihnen schon erlebt habe. Und die Qualität und die Ausdauer, die das SHFO präsentiert, lässt mich hier zu Dingen vordringen, die ich bei einem professionellen Orchester vielleicht noch nicht erleben durfte.

  Bei Strauss zügeln Sie die Energie der Musiker bewusst. Werden sie bei den Haydn-Sinfonien den umgekehrten Weg gehen?

 Ja, bei Haydn muss man allen Emotionen freien Lauf lassen und viele Dinge noch verdeutlichen – weil wir von dieser Zeit einfach durch zwei Jahrhunderte getrennt sind.

 

 Weitere öffentliche Proben in Büdelsdorf Di., Mi. und Do. jeweils von 10 bis 13 und 16 bis 19 Uhr sowie am Fr. von 10 bis 13 Uhr. Öff. Generalprobe Do., 20 Uhr, in der ACO Thormannhalle. Kieler Konzert am Sa, 20 Uhr, im Schloss. www.shmf.de

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